2002 KUNST IN DEUTSCHLAND

Meine Zeitreise durch die Kunst im Spiegel öffentlicher Resonanz

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2002   KUNST IN DEUTSCHLAND SEIT 1945

Als meine wichtigste Publikation betrachte ich „Kunst in Deutschland seit 1945“, die 2002 erschienen ist. Sie zieht gewissermaßen die Summe aus meinen, durch zahlreiche Projekte und Begegnungen mit vielen Künstlern aus dem Westen und Osten Deutschlands vorbereitete Aktivitäten über mehr als 30 Jahre – ein Buch, das kurz vor meinem Ausscheiden als Cheflektorin aus dem DuMont Verlag entstanden ist.

Martina Wehlte hat dieses Buch im DeutschlandRadio (am 16.10.2002) ausführlich gewürdigt:

Die zweiseitige Fotografie, die einem beim Aufblättern entgegenprangt, könnte als Bildkommentar zur deutsch-deutschen Kunstgeschichte der Nachkriegszeit nicht besser gewählt sein: Sie zeigt ein viel gebrauchtes Tandem, überladen mit Koffern, Reisetaschen und Einkaufsbeuteln, Spaten, Kleiderbügeln und Plastikübertopf, ein symbolhaftes Gefährt (übrigens von Andreas Slominski 1994 geschaffen), ein symbolhaftes Gefährt also, auf dem es sich nicht im gleichen Rhythmus bequem radeln lässt, sondern das mühsam vorwärtsgeschoben werden muss. Und wer nicht eine gehörige Portion deutschen Idealismus, preußische Disziplin und rheinländischen Humor besäße, hätte wohl kaum die Kärrnerarbeit leisten können, das mit allerhand ideologischem Ballast, mit Vor- und Fehlurteilen befrachtete Vehikel ‚Kunst in Deutschland seit 1945’ auf dem Weg der Erkenntnis voranzubringen.

Karin Thomas, eine ausgewiesene Kennerin der Kunst des 20. Jahrhunderts und langjährige Cheflektorin im DuMont Verlag, hat diese Aufgabe in einem opus magnum mit über 500 Seiten und mehr als 600 Abbildungen bravourös bewältigt. Und wer in Erinnerung an die Schwemme kunstgeschichtlicher Lexika und Gesamtdarstellungen zur Jahrtausendwende ,schon wieder’ stöhnt, dem sei versichert, dass der vorliegende Band tatsächlich eine breite Lücke schließt, die wohl nur deshalb so lange geklafft hat, weil es sowohl einer intimen Kenntnis der Besonderheiten in den Kunstszenen Ost und West, ihrer breiten Entwicklungsströme und feinen Verästelungen bedurfte, um sie zu schließen, wie auch des zeitlichen Abstands, um zu einer differenzierten Darstellung und leidlich unvoreingenommenen Wertung zu kommen.

Dass dies auch nur möglich ist, wenn man die politischen Direktiven und die jeweiligen soziokulturellen Strukturen mit berücksichtigt, wie die Autorin dies macht, leuchtet ohne weiteres ein. Denn die Kunst spiegelt sowohl das Selbstverständnis der Schaffenden als auch – seismographisch – gesamtgesellschaftliche Bedürfnisse. So kam es in der Bundesrepublik und in der ehemaligen DDR zeitgleich zu entgegengesetzten Bestrebungen in der Kunst, die – bezogen auf das jeweilige Gesellschaftssystem – oppositionellen Charakter hatten. Besonders auffällig war das in den sechziger Jahren. Hierzu schreibt Karin Thomas: Als westdeutsche Künstler in den sechziger Jahren das seit Romantik und Expressionismus in der deutschen Kunst bis zum Abstrakten Expressionismus kultivierte Selbstverständnis vom freien schöpferischen Geist zu problematisieren begannen, behauptete sich eben diese Subjekt-Zeichnung – gespeist aus den genannten deutschen Traditionsquellen – in der DDR im Widerspruch gegen das offiziell eingeforderte, dem gesellschaftlichen Auftrag dienende Künslterprofil. Die deutsche Romantik, der Expressionismus hier als Hort individuellen Rückzugs verpönt, dort in ihrem revolutionären Potential entdeckt.

Und wie diese Rezeptionsgeschichte unterschiedlich verlief, so ja bekanntermaßen auch die Anbindung an die West- bzw. Ostkunst, die beiderseits im Zeichen eines Internationalismus stand, der die Autorin schon im Titel ihres Buches auf den Begriff ‚deutsche Kunst’ wohlweislich verzichten lässt. ‚Nach der Katastrophe’ lautet die Überschrift zum ersten von insgesamt zehn Kapiteln, die das Gärende in der Kunst speziell der sechziger und siebziger Jahre schon in Begriffen wie ‚Treibhaus’, ‚Aufbrüche und Ausbrüche’ usw. aufscheinen lassen. Vorangegangen waren die in Vergessenheit geratenen Totenklagen eines Hans Grundig oder Horst Strempel, die Psychogramme des zerstörten Dresden oder Berlin von Wilhelm Rudolph und Werner Heldt. Es folgte die Zeit der Kämpfe zwischen Vertretern einer abstrahierenden Malerei und eines festgefügten Menschenbildes – Ernst Wilhelm Nay, Oskar Schlemmer und Karl Hofer markieren hier gegensätzliche Positionen. Für wen das Herz der Autorin heftiger schlägt, ist unschwer zu erkennen, wenn sie von Nays Bildfläche schwärmt als von einem ‚autonomen Energiefeld einer rhythmisch-musikalischen Farben-Epiphanie’.

Umso höher ist Karin Thomas’ aufrichtiges Bemühen darum zu schätzen, auch konservativ-figürlichen Werken – speziell in der hochrangigen ostdeutschen Bildhauertradition – Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Davon zeugt ihre sensible Beurteilung von Gustav Seitz, und dem dient auch die exemplarische Schilderung des Werkprozesses von Fritz Cremers Buchenwald-Denkmal, das nach mehrmaligen Einsprüchen der staatlichen Auftragggeber erst in der dritten Fassung angenommen wurde und als Beispiel offizieller Reglementierung der DDR-Kunst gelten kann.

Die unterschiedlichen Medien – Malerei, Plastik, Fotografie, Aktionskunst – sind durchaus angemessen repräsentiert; Video und Computerkunst, die sich im Buch nur schwer vermitteln lassen, erfreulich kompromisslos zurückgedrängt. Die Werkbeispiele verraten nicht nur einen immensen Materialfundus sondern auch den kenntnisreichen, souveränen Umgang damit. Dass es hierbei für den weniger professionellen Kunstsinnigen eine Fülle von Entdeckungen zu machen gilt, sei mit Blick auf Edmund Kestings Fotomontage ‚Tod über Dresden’ von 1945 hervorgehoben oder auf die kritischen Bildfindungen von Klaus Vogelgesang und Joachim Schmettau, die auf dem Kunstmarkt weitgehend in Vergessenheit geraten sind. Und wer kennt Wasja und Moritz Götze, die im Kontext der ‚Kunst nach Spielregeln’ in den neunziger Jahren verortet sind? Die Autorin wirft immer wieder ein Licht auf die unterschiedlichen Strukturen der künstlerischen Landschaften – verschiedene Kunstzentren in Ostdeutschland, eine eher breite Streuung in Westdeutschland –, auf die Problematik von Auftragsproduktionen – beispielsweise Werner Tübkes monumentales Panorama ‚Frühbürgerliche Revolution in Deutschland’ in Bad Frankenhausen oder öffentliche Ausschreibungen, die – wie Hans Haackes Erdtrog für den Berliner Reichstag – ein heiß diskutiertes Politikum wurden.

Die Darstellung erweist sich – und das ist für kunstgeschichtliche Gesamtdarstellungen bemerkenswert – als bis in die unmittelbare Gegenwart auf der Höhe der Zeit, was besonders in dem auch für Insider erhellenden Schlusskapitel ‚Netzwerke’ hervorsticht. Als Resümée darf man fststellen: das deutsch-deutsche Kunsttandem ist ganz schön in Fahrt.“

(Copyright Deutschlandradio)

Die Neue Zürcher Zeitung (NZZ am Sonntag, 22.9. 2002) stellt das Buch unter der Headline „ Ein Land im Spiegel seiner Kunst“ vor und vermerkt:

„Zwölf Jahre nach der Wiedervereinigung legt die Kunsthistorikerin Karin Thomas nun eine erste gesamtdeutsche Geschichte der Kunst von 1945 bis heute vor und überrascht durch eine differenzierte Präsentation einer Fülle von Positionen. Ein Buch, in dem man zu blättern beginnt und verweilen möchte.“

Im Online-Portal des Goethe-Instituts  schreibt Andrea Lesjak (Juni 2003):

„ Nachdem die Kunsthistorikerin Karin Thomas bereits 1985 die Kunst im Osten und Westen Deutschlands in einem Buch knapp und thesenartig gegenübergestellt hatte, gibt sie nun, mehr als eine Dekade nach der Wiedervereinigung, einen umfassenden Überblick über die gesamtdeutsche Kunstentwicklung seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges.

Einen solch monumentalen Versuch hat es bislang nicht gegeben. Einzig Kurator Eckhart Gillen unternahm es 1997, im Rahmen der 47. Berliner Festwochen mit der Ausstellung Deutschlandbilder im Berliner Gropiusbau Werke aus Ost und West gleichberechtigt nebeneinander zu präsentieren. Ziel war es, die Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten der künstlerischen Traditionen in den 40 Jahre lang getrennten deutschen Staaten visuell erfahrbar zu machen. Die Auswahl der Exponate konzentrierte sich damals vorrangig auf Kunstwerke, die explizit der Auseinandersetzung mit dem jeweiligen politischen System gewidmet sind wie Gerhard Richters Oktober-Zyklus zum Terrorismus der späten 1970er Jahre in Westdeutschland oder die großformatigen Geschichtsgemälde der Leipziger Malerschule (Werner Tübke, Bernhard Heisig, Wolfgang Mattheuer, Willi Sitte).

Karin Thomas greift diesen Ansatz auf, kann aber in ihrer Gesamtdarstellung den Blick auch auf weniger prominente „Nebenwege“ schweifen lassen. So wird auch Kunst, die auf den ersten Blick unpolitisch erscheint und ganz aus der individuellen Entwicklung eines Künstlers zu erklären ist, zum Signet einer spezifischen, durch die politischen Systeme geprägten Lebenserfahrung. Dazu bettet die Autorin die Werke in den zeithistorischen und kulturellen Kontext ein und versucht, Einblicke in die Alltagswirklichkeit beider Staaten zu geben. Denn die unterschiedlichen Entstehungsbedingungen und Publikationskontexte der Kunst in beiden Teilen Deutschlands hatten wesentlichen Einfluss auf die Etablierung unterschiedlicher Formensprachen und auch die Themenwahl der Arbeiten.

Zehn große Kapitel gliedern das Buch, das mit einer Schilderung der künstlerischen Verarbeitung des Kriegstraumas in den Trümmer- und Wiederaufbaujahren beginnt. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung der 1950er Jahre verliert sich im Westen das Interesse, gegenständliche Darstellungen des Krieges und seiner Folgen zu versuchen. Mit abstrakten Ausdrucksformen wie Informel und Tachismus und mit Ausstellungen wie der ersten documenta 1955 wollte man nicht nur an die von den Nationalsozialisten gewaltsam abgebrochene Moderne wiederanknüpfen, sondern auch die deutsche Kunst wieder in den internationalen Diskurs integrieren. Die Orientierung am amerikanischen Kunstmarkt spielte dabei eine wichtige Rolle. Zur selben Zeit wurden im Osten die Grundlagen und Regeln für eine parteikontrollierte Auftragskunst, den sozialistischen Realismus, geschaffen. Abstraktion galt als besonders staatsfeindlich. Die Auseinandersetzung mit modernen Künstlern, die sich wie Picasso offiziell zum Kommunismus bekannt hatten, deren Arbeiten der sozialistischen Formensprache jedoch nicht folgten, lieferte reichlich Konfliktstoff.

Immer wieder weist Thomas auf die unterschiedliche Rezeption der gemeinsamen kulturellen Vergangenheit im geteilten Deutschland hin. Während im Westen in den späten 1960er Jahren das Idealbild des freien schöpferischen Individuums zunehmend als Rückzug ins Private kritisiert wurde, erkannten Künstler in der DDR dieses aus der Romantik herrührende, idealistische Künstlerselbstverständnis als Möglichkeit des Widerstands gegen das vom Staat aufgezwungene, dienende Künstlerprofil. Thomas macht aber auch auf Parallelerscheinungen aufmerksam, wenn sie etwa die Bemühungen um einen erweiterten Kunstbegriff bei Joseph Beuys und Gerhard Altenbourg gegenüberstellt, die beide in West- wie Ostdeutschland in den späten 60er Jahren für die enge Verbindung von Kunst und Leben eintraten.

Wichtige Stationen der jeweiligen Kunstentwicklung und des Dialogs zwischen Ost und West werden referiert, und schließlich wird auch eine erste Bilanz der gemeinsamen Entwicklung seit der Wiedervereinigung 1989 gezogen. Wie die Diskussion um die künstlerische Ausgestaltung des Berliner Reichstagsgebäudes und um die Weimarer Ausstellung zur Kunst im Nationalsozialismus und in der DDR (Aufstieg und Fall der Moderne) unlängst zeigte, ist die Beziehung nach langen Jahren der gegenseitigen Abgrenzung immer noch von Vorurteilen, fehlender Information und Problemen der Verständigung geprägt. Kritische Ansätze, Versuche des Dialogs oder gegenseitige Beeinflussung gerieten dabei oft in Vergessenheit. Mit ihrem umfangreichen und informativen Werk leistet Karin Thomas einen wichtigen Beitrag, das Verständnis für die unterschiedlichen Entwicklungen der Kunst seit 1945 in beiden Teilen Deutschlands zu fördern. Dabei hilft die umfangreiche Bildpräsentation dem Leser, den eigenen Blick zu schärfen. Denn in den Kunstwerken spiegelt sich zwar die jeweilige historische Situation, dennoch bleiben sie Zeugnisse der individuellen Wahrnehmung der Welt und können so vielschichtige Erkenntnisse vermitteln.“ 

 

Aus insgesamt mehr als 40 Rezensionen sollen die folgenden Auszüge angeführt werden:

 „Karin Thomas brilliert mit Detailwissen und Analysen.“

(Focus, 7.10.2002)

 „Ein Trumm von einem Buch für ein paar Jahrzehnte Kunst – gute Vorbereitung für Ausflüge in den Dschungel der Bildmoden, aber auch ein kundiger Überblick der entzweiten, dann wieder vereinigten Stilwelten.“

(Der Spiegel, 7.10.2002)

Unter der Überschrift „Endlich: Ein unaufgeregter Blick“ konstatiert die Frankenpost (24.10.2002):

„Der Titel ist unspektakulär: ‚Kunst in Deutschland seit 1945’. Aber die Sache selbst hat Brisanz. Denn das ganze Deutschland ist gemeint, das doch immer noch in vielem, auch in der Kunst, nicht so recht eins sein will. (…) Jetzt unternimmt Karin Thomas, langjährige Ceflektorin für Kunst im Verlag DuMont, den Versuch einer Zusammenschau, wobei sie erstaunliche Parallelen entdeckt und allerdings auch auf Besonderheiten im ehemaligen Hüben und Drüben verweist.

Ein fabelhaftes Buch ist ihr gelungen. So kenntnisreich und fair hätten das wohl nur wenige schreiben können.“

Alfred Nemeczek schreibt in art (H. 12, Dezember 2002):

 „Die Kölner Lektorin Karin Thomas ist die hier zu Lande wohl erfolgreichste Vermittlerin der Moderne: Ihre Paperbacks zur internationalen Kunstentwicklung seit 1900 (…) liegen leicht in der Hand, wiegen aber schwer dank ihrer Faktenfülle und ihrer verlässlichen Urteile zu Künstlern und Richtungen.

Diese Vorzüge überträgt Thomas jetzt auf ein üppig illustriertes Hardcover, das neben einem profunden Epochen-Report auch eine Art innerer Wiedervereinigung der deutschen Kunst seit 1945 anstrebt.“

Das Darmstädter Echo (16.12.2002) rezensiert:

„Zwölf Jahre nach der Wende beginnen sich die Spannungen zu entkrampfen, die den kulturellen Dialog zwischen Ost- und Westdeutschland in der frühen Phase des Wiedervereinigungs-prozesses belastet haben.’ So lautet der optimistische erste Satz im neuen Prachtband von Karin Thomas aus dem Dumont-Verlag. Sie geht mit Texten voller Tiefgang, detaillierter Sachkenntis und exzellenten Abbildungen das Wagnis ein, die Entwicklungen der Kunst in West- wie Ostdeutschland von 1945 bis heute nachzuzeichnen. (…) Die Autorin ist mit mehreren Büchern zur deutschen Kunstgeschichte nach 1945 eine ausgewiesene Kennerin der Materie. Und: Sie führt ihren Leser sicher durch die Stofffülle von der ‚Stunde Nichts’ nach Kriegsende 1945 bis in die jüngste Gegenwart der Kunst.

Man hat das Gefühl, nahezu alles zu erfahren, was wichtig war in Ost- wie Westkunst: von den ersten Jahren der Erneuerung an, deren Kunst in allen damaligen Besatzungszonen vom Antifaschismus bestimmt wurde, bis hin zur Gegenwart, die in Deutschland wie weltweit von den Netzwerken der virtuellen Kunst geprägt ist. (…) Karin Thomas zeigt: Da gibt es unvermutete Nähen zwischen einzelnen Künstlern in Ost und West, aber auch völlig Unvergleichbares. Zwei Beispiele für letzteres: Während man im Westen seit den fünfziger Jahren den Anschluss an die internationale Kunstszene suchte, gab es in der DDR zu jeder Zeit regionale Zentren, aus deren Subkulturen heraus Kunstwerke entstanden, die in der ganzen DDR bekannt wurden. Und: Während im Westen spätestens seit der Pop Art der sechziger Jahre die Idee des freien künstlerischen Individuums von den Künstlern selbst problematisiert wurde, zogen die kritischeren Geister im Osten sich lange gerade auf dieses subjektivistische Ideal zurück. Denn sie stellten es gegen die offizielle Doktrin vom gesellschaftlichen Auftrag der Kunst.“

Das Handelsblatt (21.12.2002) führt u. a. aus:

„Einen fundierten Parallelblick auf das Schaffen ost- und westdeutscher Künstler seit 1945 riskiert Karin Thomas in einem 540 Seiten starken Buch, das tiefere Einsichten bietet. Der DuMont-Autorin gelingt es in klarer, unverkrampfter Diktion, scharfe Trennungslinien und verborgene oder verdrängte Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten. Die 500 Abbildungen erhellen in enger Beziehung zum Text, aber auch als chronologischer Bildfundus für sich genommen, die Haupt- und Nebenwege deutsch-deutscher Kunst.“

Die Westdeutsche Zeitung (28.12.2002) übertitelt ihre Besprechung:

„Ein vorzügliches Nachschlagewerk und üppig bebildertes Lesebuch führt durch die Kunst in beiden Deutschlands seit Kriegsende“ und hebt hervor:

„Die Ausführlichkeit und Detailliertheit, mit der hier Künstler wie Harald Metzkes, Gerhard Altenbourg, der Kreis um Sitte, Tübke, Mattheuer, Heisig und der Einzelgänger Ebersbach gewürdigt werden, beeindruckt.(…)

Überhaupt legt die Autorin eine sympathische Zuneigung zu Künstlern außerhalb von Schulen und Gruppen – wie Palermo und Knoebel, Eva Hesse und Darboven, Rune Mields und Thomas Demand, schließlich Jochen Gerz – an den Tag. (…)

So geht man aus der Lektüre gestärkt für zukünftige Museumsbesuche hervor – und bestaunt überdies die fantastische Qualität der Fotoreproduktionen sowie der gesamten großzügigen Ausstattung.“

Dass Kunstkritiker unterschiedliche Erwartungen haben, führt auch zu abweichenden Einschätzungen. Und daher sollen auch die Vorbehalte dokumentiert werden, die Hanno Rauterberg (Die Zeit, Sonderbeilage zur Buchmesse, 9. Oktober 2002) formuliert hat:

„Karin Thomas illustriert in ihrem mächtigen, datensatten Buchlaib, wie wechselvoll und schnell sich die Kunst veränderte. (…). Unendlich viele Namen ziehen an einem vorüber, man staunt über die Fülle und das ständige Drängen zur Novität, bekommt vorgeführt, dass auch in der DDR keineswegs die Arbeitereinheitskunst dominierte. Nach einer Weile allerdings wird man des Chronologischen überdrüssig: Erfreut liest man über die vielen Vergessenen, über jene Kurzzeitkünstler, die in keinem Museum mehr auftauchen. Und doch bleibt diese Kunstgeschichte eine Hangelei vom einen zum Nächsten (…) So fühlt sich der Leser nach der Lektüre, als hätte er in einer erstaunlichen Riesenfundgrube gestöbert, manches Schöne und Skurrile nimmt er mit. Nur einen großen Verständnisbogen hat er nicht entdecken können.“

Diese Besprechung hat mich bei dem häufig geäußerten Lob eigentlich besonders interessiert. Denn sie verweist auf ein Grundproblem der Kunstgeschichtsschreibung: Soll die Information über die Entwicklung der Kunst umfassend sein, und sich damit auch dem Risiko aussetzen, eine vielleicht vewirrende Vielfalt von Kunstäußerungen zu beschreiben, die eine öffentliche Wahrnehmung verdienen, oder sollte sie nach einem roten Faden suchen, einem einheitlichen Deutungsmuster, gar einem „großen Verständnisbogen“, den es möglicherweise gar nicht gibt? Darüber ließe sich trefflich streiten. Vielleicht unterscheiden wir uns vor allem durch die Rolle, die ein Kunstbuchautor oder ein Feuilletonist einnimmt. Während von einem Rezensenten der Mut zum entschiedenen (und das heißt auch subjektiven) Urteil erwartet werden muss, sollte ein Kunsthistoriker nach meinem Verständnis versuchen, den vielen beachtenswerten Künstlern dadurch gerecht zu werden, dass man ihr Werk so ins Blickfeld rückt, dass der Leser und Betrachter selbst die Freiheit des eigenen Urteilens behält. Ich lade Sie als Leser meiner Bücher dazu ein, mit mir über diese spannende Frage weiter nachzudenken.

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