{"id":42,"date":"2016-01-28T15:04:52","date_gmt":"2016-01-28T14:04:52","guid":{"rendered":"http:\/\/karinthomas.eu\/?p=42"},"modified":"2016-02-20T14:59:04","modified_gmt":"2016-02-20T13:59:04","slug":"blickpunkt-moderne","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/karinthomas.eu\/?p=42","title":{"rendered":"Blickpunkt Moderne"},"content":{"rendered":"<h2><span class=\"Apple-style-span\">2010<\/span><\/h2>\n<p><span class=\"Apple-style-span\">Im Oktober ist im DuMont Buchverlag mein neues Buch erschienen:<\/span><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/karinthomas.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/1-3-im-Buchvover-4817.jpg\"  rel=\"lightbox[42] attachment wp-att-13\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-13\" src=\"https:\/\/karinthomas.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/1-3-im-Buchvover-4817-218x300.jpg\" alt=\"1-3-im-Buchvover-4817\" width=\"218\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/karinthomas.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/1-3-im-Buchvover-4817-218x300.jpg 218w, https:\/\/karinthomas.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/1-3-im-Buchvover-4817.jpg 400w\" sizes=\"(max-width: 218px) 100vw, 218px\" \/><\/a><\/p>\n<p><span class=\"Apple-style-span\">Karin Thomas: Blickpunkt Moderne.<\/span><br \/>\n<span class=\"Apple-style-span\">Eine Geschichte der Kunst von der Romantik bis heute.<\/span><br \/>\n<span class=\"Apple-style-span\">DuMont Buchverlag K\u00f6ln,\u00a0464 S., 24,80 Euro<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Einleitung<\/strong><\/p>\n<p>In der Kunstwissenschaft hat sich der Begriff \u201eModerne\u201c als Sammelbezeichnung f\u00fcr die k\u00fcnstlerischen Str\u00f6mungen seit dem ausgehenden 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts mit ihren rasch aufeinanderfolgenden Stilerscheinungen etabliert. In kulturwissenschaftlicher Sicht ist er jedoch weit mehr als ein Epochenbegriff. \u00dcbergreifend bezeichnet er den alle Bereiche des sozialen, politischen und kulturellen Lebens umfassenden Umbruch gegen\u00fcber einer traditionellen Ordnung, die von feudalen Herrschaftsstrukturen und nationalen Eigenheiten gekennzeichnet war. Ideengeschichtlich beginnt diese Entwicklung bereits mit der fr\u00fchen Aufkl\u00e4rung im 17. Jahrhundert1, politisch provoziert die Franz\u00f6sische Revolution einschneidende Ver\u00e4nderungen, die bis in die Gegenwart fortwirken. Mit dem Sturz des Ancien Regime wandeln sich die \u00fcberkommenen Machtstrukturen. Adel und Klerus b\u00fc\u00dfen ihre Vorrechte ein, und aus dem kritischen Denken der Aufkl\u00e4rer gehen die Maximen der Menschenrechte und die Grundz\u00fcge demokratischer Gesellschaftsordnungen hervor. Wirtschaftlich bietet die Industrialisierung der Gr\u00fcnderzeit in der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts mit dem Aufstieg einer b\u00fcrgerlichen Elite die \u00f6konomischen und kulturellen Rahmenbedingungen f\u00fcr die Ausbildung einer neuen Klientel von Kunstrezipienten. Durch die Einrichtung von Museen2 und j\u00e4hrlich stattfindenden Salons, in denen die zeitgen\u00f6ssische Kunstproduktion der \u00d6ffentlichkeit pr\u00e4sentiert wird, erh\u00e4lt jeder interessierte B\u00fcrger in den Kunstmetropolen Paris, Wien oder Berlin nun die Gelegenheit, aktuelle Kunst zu besichtigen und zu bewerten.<\/p>\n<p>Die kulturgeschichtliche Literatur benennt in der Regel keine festen Eckdaten, an denen sich das historische Einsetzen der Moderne festmachen lie\u00dfe. Die Datierung des Beginns h\u00e4ngt ab von den Grundlagen und Voraussetzungen, die man f\u00fcr ihr Erscheinen ansetzt. \u00dcberzeugend ist die Eingrenzung, die der renommierte amerikanische Kulturhistoriker Peter Gay f\u00fcr die Epoche der Moderne auf den Zeitraum von 1840 bis 1960 vornimmt.3 Den Beginn verortet Gay bei Baudelaire, der in seiner Dichtung, vor allem aber auch in seinem 1863 ver\u00f6ffentlichten Essay <i>Der Maler des modernen Lebens<\/i>, eine Vorstellung von Modernit\u00e4t umrei\u00dft.4 F\u00fcr Baudelaire ist modern die fortw\u00e4hrend neue und fl\u00fcchtige, weil sich rasant wandelnde Gro\u00dfstadtwirklichkeit. Sie erlebt der beobachtende Flaneur gleicherma\u00dfen als Stimulans, wie auch als Schock, durch sie wird seine \u201eImagination\u201c zu k\u00fcnstlerischer Interpretation herausgefordert.<\/p>\n<p>Seit dem fr\u00fchen 20. Jahrhundert sehen sich die K\u00fcnstler der Moderne als Avantgarde, als Vorhut des Zeitgeistes und als Neuerer einer auf das Leben bezogenen Kunst. Signifikant f\u00fcr ihr k\u00fcnstlerisches Experimentieren ist der Zugriff auf unverbrauchte Materialien, die Erprobung neuer bildnerischer Sprachformen, die Beobachtung der Realit\u00e4t und die Nutzung moderner Informationsmedien.<\/p>\n<p>Wenn wir den Verlauf der Kunstgeschichte im 20. Jahrhundert n\u00e4her in den Blick nehmen, stellen wir fest, dass die K\u00fcnstler in den einzelnen Phasen der Stilentwicklungen unterschiedlich auf ihre Gegenwart reagiert haben. Ihre Stellungnahmen zu dem, was sich vollzog, schwanken zwischen Voraussicht, Opposition und Anpassung, und in diesen Haltungen bekundet sich auch ihre eigene Positionsbestimmung. So sehen Malewitsch und Mondrian in der Geometrie ihrer abstrakten Bilder das Modell einer harmonischen Welt, eine utopische Vorstellung, die in Russland von der postrevolution\u00e4ren stalinistischen Diktatur und in Westeuropa von den Okkupationen und dem Terror der Nationalsozialisten vollends zerst\u00f6rt wird. Auch die Expressionisten m\u00fcssen solche Erfahrungen durchleben und verarbeiten. Frustriert von den Konventionen geben die Br\u00fccke-Maler in gl\u00fchenden Farbstr\u00f6men ihrer Sehnsucht nach einer Erneuerung von Kunst und Leben Ausdruck. Doch als der Erste Weltkrieg sie mit der Zerst\u00f6rung ihrer Ideale in eine tiefe Identit\u00e4tskrise st\u00fcrzt, dr\u00fcckt Kirchner in giftigen Farben und scharf kantigen Formen seinen schreienden Protest gegen die Grausamkeiten des Zeitgeschehens aus.<\/p>\n<p>In den 1930er- und 1940er-Jahren erlebt die Avantgarde in ganz Europa durch die Folgen der faschistischen und stalinistischen Diktaturen eine grundlegende Ersch\u00fctterung, die sich in Pablo Picassos <i>Guernica<\/i>-Gem\u00e4lde ikonisch verdichtet. Viele K\u00fcnstler, die der Moderne zuvor Ma\u00df setzende Impulse gaben, m\u00fcssen ihre Heimatl\u00e4nder verlassen und emigrieren zumeist in die USA. Paris verliert seinen seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert unangefochtenen Metropolenstatus f\u00fcr die Kunst. Das internationale Avantgardegeschehen verlagert sich nach New York, wo der Exponent des Abstrakten Expressionismus, Jackson Pollock, das Profil des Avantgarde-K\u00fcnstlers \u201eals genialisch begabter, zugleich jedoch von pers\u00f6nlichen Krisen gequ\u00e4lter\u201c Erneuerer und Einzelg\u00e4nger noch einmal reanimiert5 und in den 1950er-Jahren nach Europa zur\u00fcckbringt. Damit verbunden ist ein Prozess der Wiedergutmachung gegen\u00fcber den von Faschismus und Stalinismus diskreditierten K\u00fcnstlern und ein anwachsender transatlantischer Dialog, der die nationalen Kunstszenen zugunsten ihrer internationalen Vernetzung relativiert. Die K\u00fcnstler werden im Zuge der ideologischen Blockbildung zwischen Ost und West dazu aufgefordert, die M\u00f6glichkeiten einer freien Entfaltung ihrer sch\u00f6pferischen Kr\u00e4fte als Folge der politischen Freiheit in den westlichen Demokratien zu sehen.<\/p>\n<p>Mit der Pop Art schwindet der Impetus der modernen Kunst, der Welt ein Ideal von globalisierender Freiheit vor Augen zu f\u00fchren, wie dies der Abstrakte Expressionismus und das Informel f\u00fcr sich in Anspruch genommen haben. Andy Warhol verwischt in seiner <i>Factory <\/i>die bis dahin nie ganz infrage gestellte Trennlinie zwischen Kunst und Leben, indem er das ganze Alltagsleben bis hin zu Werbung und Starkult als Material der Kunst absorbiert. Im \u201eAnything goes\u201c6 seiner Bildzitate aus den Medien und der Konsumwelt verfl\u00fcchtigt sich der Originalit\u00e4tsanspruch der vorausgegangenen Stile und deren gegenseitiger usurpatorischer Verdr\u00e4ngungsprozess.<\/p>\n<p>1968 ist nicht nur das Jahr der gesellschaftlichen und politischen Umbr\u00fcche und der Ern\u00fcchterung angesichts von Generationskonflikten, Rassenunruhen und der brutalen Exzesse im Vietnamkrieg, sein rebellischer Furor provoziert auch eine grundlegende Neujustierung der Kunst. Mit den vielschichtigen Facetten der Concept-, Body- und Process Art bildet sich eine experimentelle Kunst, die vom Subjekt ausgehend, die Vielschichtigkeit der Erfahrungen wertungsfrei in den Blick nimmt und die Mechanismen von Wahrnehmung und Handeln in ihrer Komplexit\u00e4t erforscht. An die Stelle der Schulen und Stile treten ein ausgepr\u00e4gter Individualismus und ein k\u00fcnstlerisches Nomadentum, die sich ebenso historische Ressourcen wie auch aktuelle Bildquellen aus den Medien und wissenschaftliche Methodik nach Bedarf und Belieben aneignen.<\/p>\n<p>Lebhafte Diskussionen \u00fcber das Ende der Moderne und ihre retrospektive Bewertung setzen zu dem Zeitpunkt ein, als mit dem Aufkommen einer sogenannten Postmoderne implizit der Abschluss der Moderne postuliert wird und man zugleich die Stilentwicklungen vom Kubismus und Futurismus bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts als klassische Moderne von einer zweiten Moderne ab 1939 abgrenzt, bis sich in der pluralistisch ausdifferenzierten Kunst der Nach-68er-Generation das k\u00fcnstlerische Selbstverst\u00e4ndnis eines elit\u00e4ren Sch\u00f6pfertums vollends verfl\u00fcchtigt. Als einer der Ersten hat Charles Jencks in den ausgehenden 1970er-Jahren den Begriff der Postmoderne im Blick auf die Entwicklung der zeitgen\u00f6ssischen Architektur benutzt7 und als einen durch die Kunstgeschichte schweifenden Stileklektizismus gekennzeichnet, der Zitate aus allen Epochen nach den Parametern des Zeitgeistes mischt und neu aufbereitet.<\/p>\n<p>Auf jeden Fall haben die Reflexionen \u00fcber das Ende der Moderne dazu gef\u00fchrt, dass mit der postmodernen Kritik an der Moderne auch ihre grundlegenden Eigenschaften ins Bewusstsein gehoben worden sind. Denn die Protagonisten der Moderne zeichnen sich allesamt durch einen rigorosen Subjektivismus aus, der sie dazu motiviert hat, ebenso bedingungslose Selbsterforschung zu betreiben, wie sie ihre Zeitgenossen durch Provokation und Schock aufger\u00fcttelt haben.<\/p>\n<p>In der kunstgeschichtlichen Literatur variieren die Markierungen f\u00fcr den zeitlichen Beginn der Moderne nicht zuletzt auch danach, ob der Inhalt der Kunstwerke oder ihre Form den vorrangigen Ma\u00dfstab f\u00fcr eine Zuordnung zur Moderne liefert.8 Wo der retrospektive Blick auf die Avantgarden von jenen Stiltendenzen dominiert wird, in denen sich das Sprachrepertoire der Abstraktion weitgehend verselbstst\u00e4ndigt hat, ragt Paul C\u00e9zanne als der gro\u00dfe Anreger aus dem Kreis der impressionistischen und postimpressionistischen K\u00fcnstler heraus. Angesichts der <i>Badenden <\/i>und der immergleichen Motive am Fu\u00df der s\u00fcdfranz\u00f6sichen Montagne Sainte-Victoire ist es unverkennbar, dass den Maler nicht mehr emotionale Gehalte seiner Sujets zur Bildfindung motivierten, sondern der Prozess des Malens als solcher.<\/p>\n<p>Die Etablierung innovativer bildnerischer Mittel ist seit Kubismus, Futurismus, Expressionismus und Surrealismus eines der zentralen Anliegen, auf das sich die Moderne konzentriert. Doch wo die historische Sichtung der Kunstwerke weniger von der \u00c4sthetik ihrer Form als von den zukunftsweisenden Potenzen ihrer Inhalte ausgeht, verschiebt sich die Genese einer modernen Kunstauffassung nach r\u00fcckw\u00e4rts. Dann erweisen sich K\u00fcnstler wie Goya, Daumier, Courbet und Manet, aber auch die Romantiker und selbst der preu\u00dfische Hofmaler Adolph von Menzel als hochsensible Beobachter einer Zeit der \u00dcberg\u00e4nge und Umbr\u00fcche. Denn seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert wandeln sich nicht nur die sozialen und politischen Verh\u00e4ltnisse durch die geistige Kraft der Aufkl\u00e4rung und die revolution\u00e4ren Vorg\u00e4nge auf der Stra\u00dfe, auch die Religion verliert ihre Autorit\u00e4t. Das sich von Vorschriften konventioneller Moralvorstellungen emanzipierende Individuum lotet nun seine subjektiven Befindlichkeiten auch in den tabuisierten Zonen des sinnlichen Begehrens aus. Wir widmen daher unser Eingangskapitel den fr\u00fchen Wegbereitern der Moderne.<\/p>\n<hr \/>\n<p><span class=\"Apple-style-span\" style=\"font-size: 10pt;\"><sup>1<\/sup> \u00c4hnlich wie die Periode der Moderne l\u00e4sst sich auch das Zeitalter der Aufkl\u00e4rung schwer eingrenzen. Die Urspr\u00fcnge der Aufkl\u00e4rung liegen bereits in der Renaissance und dem Prozess der S\u00e4kularisierung, in dem \u201edas Licht\u201c der menschlichen Vernunft als Quelle der Wahrheit benannt wird. In dieser Hinsicht k\u00f6nnen Ren\u00e9 Descartes, Francis Bacon und Gottfried Wilhelm Leibniz als V\u00e4ter der \u201eFr\u00fchaufkl\u00e4rung\u201c (Werner Krauss) gelten. Mitte des 18. Jahrhunderts sind es die franz\u00f6sischen Enzyklop\u00e4disten um Denis Diderot (zu denen u. a. Rousseau, Voltaire und Montesquieu z\u00e4hlen), die das \u201eSi\u00e8cle des lumi\u00e8res\u201c einleiten, mit dem Ziel, das Wissen allen zug\u00e4nglich zu machen. F\u00fcr Immanuel Kant ist Aufkl\u00e4rung (in seiner Preisschrift von 1784 &gt;Beantwortung der Frage: Was ist Aufkl\u00e4rung?&lt;) schlie\u00dflich mit der Autonomie der handelnden Person verbunden: \u201eHabe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!\u201c<\/span><\/p>\n<div><span style=\"font-size: 10pt;\"><sup>2<\/sup> Das moderne Museum ist aus den Kunst- und Wunderkammern des 17. Jahrhunderts entstanden, in denen Naturalien und Kunstwerke gemeinsam gesammelt worden sind (ber\u00fchmt war die Kunst- und Wunderkammer Peters des Gro\u00dfen, 1714 nach seinen Europareisen gegr\u00fcndet). Das British Museum ist als erstes modernes, allgemein zug\u00e4ngliches Museum 1759 er\u00f6ffnet worden, hervorgegangen aus der Stiftung einer privaten Kunst- und Literatursammlung an den englischen Staat. Das Fridericianum in Kassel (seit 1955 Ausstellungsort der documenta) ist das zweite \u00f6ffentliche Museum, f\u00fcr das 1779 das erste eigens f\u00fcr diesen Zweck bestimmte Geb\u00e4ude errichtet worden ist.<\/span><\/div>\n<div><span style=\"font-size: 10pt;\"><sup>3<\/sup> Peter Gay: <i>Die Moderne \u2013 Eine Geschichte des Aufbruchs<\/i>, Frankfurt am Main 2009.<\/span><\/div>\n<div><span style=\"font-size: 10pt;\"><sup>4<\/sup> Charles Baudelaire: Constantin Guys, der Maler des modernen Lebens, in: Ders.: <i>Das Sch\u00f6ne, die Mode und das Gl\u00fcck<\/i>, Berlin 1988.<\/span><\/div>\n<div><span style=\"font-size: 10pt;\"><sup>5<\/sup> Siehe dazu das Kapitel: Jackson Pollock und die \u201eWeltsprache Abstraktion\u201c in: Patrick Werkner: <i>Kunst seit 1940. Von Jackson Pollock bis Joseph Beuys<\/i>, Wien\/K\u00f6ln\/Weimar 2007, S. 21ff.<\/span><\/div>\n<div><span style=\"font-size: 10pt;\"><sup>6<\/sup> Der Philosoph und Wissenschaftstheoretiker Paul Feyerabend hat die weltweite Karriere der Parole \u201eanything goes\u201c begr\u00fcndet, die f\u00fcr die \u00dcbergangsperiode von der Moderne zur Postmoderne in nahezu allen Lebensbereichen charakteristisch geworden ist. Sie ist in seiner Schrift &gt;Against Method. Outline of an Anarchistic Theory of Knowledge&lt; von1974 gepr\u00e4gt worden (deutsch: <i>Wider den Methodenzwang<\/i>, Frankfurt am Main 1975).<\/span><\/div>\n<div><span style=\"font-size: 10pt;\"><sup>7<\/sup>\u00a0 Charles Jencks: <i>Die Sprache der postmodernen Architektur. Die Entstehung einer alternativen Tradition<\/i>, Stuttgart 1978.<\/span><\/div>\n<div><span style=\"font-size: 10pt;\"><sup>8<\/sup>\u00a0 So ordnet Martin Kemp den Kubismus dem Zeitalter der Revolutionen zu, das er von 1770 bis 1914 ansetzt. Die Moderne beginnt f\u00fcr ihn als \u201eModerne des Internationalen Stils\u201c mit dem historischen Einschnitt des Ersten Weltkriegs. Siehe Martin Kemp (Hrsg.):<i> DuMont Geschichte der Kunst<\/i>, K\u00f6ln 2003.<\/span><\/div>\n<p>(In: Blickpunkt Moderne, S. 12-16)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Und wie geht es im Buch weiter?<\/em><\/p>\n<p><em>Blickpunkt Moderne enth\u00e4lt die folgenden Kapitel:<\/em><\/p>\n<ul>\n<li><em>Fr\u00fche Wegbereiter der Moderne<\/em><\/li>\n<li><em>Aufbruch in die Moderne<\/em><\/li>\n<li><em>Wirklichkeit und Traum \u2013 Utopie und Ironie<\/em><\/li>\n<li><em>Kunst im Fokus von Politik und Zeitgeschehen<\/em><\/li>\n<li><em>Inkubation einer zweiten Moderne<\/em><\/li>\n<li><em>Weltsprache Abstraktion: ein zweites Stildiktat<\/em><\/li>\n<li><em>Neue Fragen an die Kunst<\/em><\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Und was kommt zum Schluss?<\/em><\/p>\n<p><strong>Epilog<\/strong><\/p>\n<p>In den 1970er- und 1980er-Jahren konkretisiert sich das Aufwachen aus der Moderne in einem wachsenden Pluralismus der Ausdrucksweisen und Stilkombinationen. Individuelles Experimentieren, Theorieverzicht, Zugriffe auf digitale Medien, Kitsch, Werbung und Banalit\u00e4ten sowie ein Cross-over aller Kunstdisziplinen ersetzen das Verdr\u00e4ngungsprinzip der Moderne, wonach das Neue als das \u00dcberlegene das Alte abl\u00f6st.<\/p>\n<p>Solche Tendenzen begannen bereits bei Warhol, der Fotografie und Malerei mit den Reprotechniken der Industrie vernetzte, und setzten sich fort in der parallelen Nutzung unterschiedlicher Medien wie Installation, Performance, Film, Objekt und Text bei Robert Morris oder Bruce Nauman.<\/p>\n<p>Der analytische Purismus konzeptueller Kunstpraxis provoziert am Beginn der 1980er-Jahre einen \u201eHunger nach Bildern\u201c, der sich in wieder erwachter Lust an malerischer Erz\u00e4hlung niederschl\u00e4gt. Neoexpressive Stilpotenziale werden von den \u201eJungen \u201aWilden\u201c mit Comic und Cartoon gemixt, um je nach Stimmungslage parodistisch, polemisch oder punkhaft emotional zu sein. Der Griff in das Bildarchiv der Kunstgeschichte geschieht ebenso unbek\u00fcmmert wie die Weiterverwendung vorgefertigter Materialien, Fotografien und Bilder aus den Medien. Albert Oehlen wechselt am Ende des Jahrzehnts vom anarchischen Bildwitz in der Gefolgschaft Sigmar Polkes zur selbstreflexiven Malerei \u00fcber Malerei, betreibt sie aber nicht als autonome Abstraktion, sondern schleust verschwommene Andeutungen von Umwelt in sie ein, ohne diese objekthaft zu konkretisieren.<\/p>\n<p>In dem 300min\u00fctigen Filmzyklus <i>Cremaster<\/i>, an dem der Amerikaner Matthew Barney von 1994 bis 2002 beinahe ein Jahrzehnt arbeitet, verschr\u00e4nken sich Film, Performance, Installation und Video zu einer eigenwilligen, romanhaften Erz\u00e4hlform, in der die Faszination der r\u00e4tselhaften Sequenzen, motivisch entlehnt aus Mythologie, M\u00e4rchen und Science-Fiction, \u00fcber eine Erz\u00e4hllogik dominiert.<\/p>\n<p>Synthetische Bilderz\u00e4hlungen aus privaten Erinnerungs-splittern, mythologischen Anspielungen, medialen Motivanleihen aus Comic-Literatur und Hollywood-Cineastik sowie ein Stilamalgam, das die Skala der Moderne vom Postimpressio-nismus Bonnards bis zu den Vermalungen und Abstraktionen Gerhard Richters aussch\u00f6pft, sind signifikant f\u00fcr eine zeitgen\u00f6ssische figurative Malerei, die nicht nur in Peter Doig, Luc Tuymans, Neo Rauch oder Daniel Richter international renommierte Exponenten hat. F\u00fcr sie ist das Schweifen zwischen figurativer Rhetorik und gestischen Farbsetzungen ebenso selbstverst\u00e4ndlich wie das Sampling, das Zusammenf\u00fcgen von heterogenen Bildquellen. Diese Methode des kreativen Manipulierens \u00fcbernehmen sie aus der computer-gesteuertten Tontechnologie, bei der diverse Musikfragmente aus der E- und U- Musik zerst\u00fcckelt, zerdehnt, beschleunigt und wieder neu zusammengeschnitten werden.<\/p>\n<p>Der Brite Peter Doig, der seine Kindheit und Jugend in Kanada verbrachte und 2002 seinen Wohnsitz f\u00fcr einige Zeit von London in die tropische Exotik der karibischen Insel Trinidad verlegt hat, mischt ganz nach dem Montageprinzip des Samplings seine Erinnerungen mit Bildzitaten aus Reise-prospekten und Zeitschriften, mit Filmstills und \u00fcberarbeiteten Fotografien. Seine Gem\u00e4lde entstehen nicht vor Ort, sondern aus der Ferne, wo biografische Reminiszenzen an kunsthisto-rische Assoziationen und popul\u00e4re Bildzitierungen andocken k\u00f6nnen. So malt Doig in Trinidad den kanadischen Schnee, w\u00e4hrend bei den tempor\u00e4ren Aufenthalten in London die Landschaften aus der Karibik produziert werden. Der Malprozess synthetisiert die Materialien des Samplings und hinterf\u00e4ngt das Amalgam mit einem Irritationsmoment: In die psychedelische Suggestionskraft weich flie\u00dfender Farblasuren schleicht sich hinter der romantischen Halluzination Entfremdung ein, die Idylle kollidiert mit dem Gift der Kloake, das von der ausbeuterischen Industrie in die Wildnis hineingetragen worden ist. Daher ist bei Peter Doig nichts, wie es den Anschein hat, der Malprozess \u00fcberzieht die Magie der m\u00e4rchenhaften Motive mit den ironischen Brechungen subtil ausgelegter Fallstricke.<\/p>\n<p>\u00c4hnliche Doppelb\u00f6digkeiten implantiert auch Daniel Richter in seine Bilder, die wie eine Infrarotkamera die bedrohlichen Dimensionen der Wirklichkeit durchleuchten. Richters Gem\u00e4lde und Zeichnungen entstehen aus einem umfangreichen Archivmaterial, das der K\u00fcnstler gesammelt hat, sie nutzen dokumentarische Fotografien und popkulturelle Versatzst\u00fccke. Doch ihre Signifikanz beziehen sie aus ihrer malerischen Inszenierung, die Richter aus psychedelisch tropfenden Farbflecken konstruiert und durch die das fotografische Vorlagenmaterial auf eine besondere Raum-Zeit-Ebene mit eigener Rhetorik \u00fcberf\u00fchrt wird. In einem Gespr\u00e4ch mit Philipp Kaiser exemplifiziert Daniel Richter diesen Verwandlungs-vorgang an einem seiner ersten figurativen Bilder <i>Phienox<\/i> (2000): \u201eMir ist zum Zeitpunkt, als ich <i>Phienox<\/i> gemalt habe, klar gewesen, dass ich das Bild in Berlin ausstellen werde und dass Deutschland gerade zehn Jahre Mauerfall feierte. Deswegen habe ich ein Bild gemalt, in dem Kreuzabnahme, Mauerfall und Katastrophe ineinander verwoben sind. Wird das Bild als Mauerfall gelesen, entwirft es eine ziemlich paranoide Version des geschichtlichen Ereignisses. <i>Phienox<\/i> ist eine angsterf\u00fcllte, \u00fcberladene und seltsame Mischung aus Hollywood-Kriegsfilm und abstrakter Malerei und basiert, anbei bemerkt, auf einem Zeitungsfoto aus der Neuen Z\u00fcrcher Zeitung, das die durch radikale Muslime bombardierte amerikanische Botschaft in Nairobi zeigt. Doch sollte das Publikum in Berlin ein Mauerfallbild sehen.\u201c341<\/p>\n<p>Weiter noch als Daniel Richter l\u00f6st der Belgier Luc Tuymans seine Gem\u00e4lde aus der vorgegebenen Eindeutigkeit ihrer medialen Quellen. In schwebenden Farbtonlagen thematisiert er historische Ereignisse mitsamt dem Kontext ihrer Verdr\u00e4ngung in das Fremdwerden und Vergessen. W\u00e4hrend sich dem Betrachter auf den ersten Blick ein scheinbar belangloser Bildinhalt darbietet, untergr\u00e4bt die aus ephemeren Farbschleiern aufgebaute Bildstruktur das erz\u00e4hlerische Moment und schafft einen verunsichernden Raum, in dem sich bedrohliche Ahnungen und Anspielungen einnisten. Mit dem Aufscheinen des Unheimlichen \u00f6ffnen sich die Bilder f\u00fcr das, was \u2013 wie der Holocaust \u2013 an sich nicht darstellbar ist. Emma Dexter vergleicht das Gem\u00e4lde <i>Gaskammer<\/i> von 1986 mit dem Horror bei Kafka, der sich in die unscheinbare Normalit\u00e4t hineinschleicht und umso st\u00e4rker wirkt, wie den Betrachter das Unheimliche unerwartet trifft. Indem Tuymans die Genres Historienbild und Stillleben zur Vergegenw\u00e4rtigung des Unheimlichen verschmilzt, entsteht \u201eein hybrides Genre, in dem Dinge, Details und Fragmente vom Grauen erz\u00e4hlen, das im Alltag verborgen liegt\u201c.342 Die oft als unzeitgem\u00e4\u00df gescholtene und totgesagte Malerei offenbart hier in ihrer Mehrdeutigkeit erstaunliche Potenzen der Regeneration. Sie l\u00f6st sich aus der Dichotomie von Abstraktion und Figuration und macht sich statt dessen ihre gesamte Historie bis zur analytischen Auseinandersetzung mit sich selbst und der Fotografie im selbstverst\u00e4ndlichen Zugriff dienstbar.<\/p>\n<p>In der deutschen Kunstszene ist der Leipziger Maler Neo Rauch zum bedeutendsten Vertreter einer Malerei avanciert, die den kunstgeschichtlichen Fundus der beiden letzten Jahrhunderte aussch\u00f6pft und in Gestalt von individuellen Erinnerungs- und Wahrnehmungspartikeln miteinander vernetzt. Geradezu beispielhaft ist jedes seiner Gem\u00e4lde eine postmoderne Inszenierung, die ihre beunruhigende Wirkung aus dem Zusammenschnitt auseinander liegender Komparti-mente bezieht. Sind die fr\u00fchen Bilder aus der ersten Nach-wendezeit von einer nostalgischen Pop-\u00c4sthetik im Anklang an die ausgehenden 1950er-Jahre und von einer stillgelegten Industriearchitektur sozialistischer Herkunft gepr\u00e4gt, so hat sich Neo Rauch seit dem in die Historie des 19. Jahrhunderts hineingegraben. Seine somnambulen Figuren treten nun \u2013 g\u00e4nzlich unzeitgem\u00e4\u00df \u2013 in Bratenrock und R\u00fcschenhemd auf und erleben ihre surrealen Albtr\u00e4ume im Biedermeier-Ambiente. Doch in welche Zeitr\u00e4ume auch immer der Maler seine Gestalten hineinversetzt, stets zeichnet er ein verst\u00f6rendes Szenarium ihrer Fremdheit.<\/p>\n<p>Als Neo Rauch 2007 seine aktuellen Arbeiten im Metropolitan Museum ausstellen kann, weist ein New Yorker Kritiker darauf hin, dass sich hinter den \u201eVergangenheitsformen\u201c Zeitgen\u00f6s-sisches verschl\u00fcsselt. Geht man diesem Gedanken nach, so allegorisieren Rauchs Gem\u00e4lde die politischen Nachbeben des Kalten Krieges in der auch nach der Wiedervereinigung noch fortdauernden gespaltenen Mentalit\u00e4t der Deutschen. Dar\u00fcber hinaus spiegeln sie auch, wie David Cohen treffend vermerkt, \u201edie beiden politischen Extreme wider, die sich in den Realismen des 20. Jahrhunderts niedergeschlagen haben: das Libert\u00e4re, Individualistische und Unbewusste des Surrealismus sowie das Autoritative, Kollektive und Konformistische des sozialistischen Realismus.\u201c343 Neo Rauch selbst konstatiert, dass er dem Unheimlichen, Verst\u00f6renden und Chaotischen eine Bildsprache geben will, die den direkten aktuellen Bezug meidet. Wie Luc Tuymans macht er den \u201ePhantomschmerz\u201c sp\u00fcrbar und verweist auf dessen Ursachen, die \u201eweit zur\u00fcckliegen. Die Wunden sind sehr alt, und die Mechanismen, die sie hervorgerufen haben, bleiben immer die gleichen.\u201c344<\/p>\n<p>Nach dem Ende des Kalten Krieges und im Gefolge der globalisierten Vernetzung wirtschaftlicher Interessen haben sich auch kulturelle \u00dcberlagerungen zwischen zuvor v\u00f6llig abgetrennten Kontinentalzonen entwickelt, die sich in hybriden Identit\u00e4tsdispositionen und transkulturellen Synkretismen widerspiegeln. War die fr\u00fche Epoche der Moderne mit Kubismus, Futurismus und Expressionismus ein ausschlie\u00dflich europ\u00e4isches Avantgarde-Ph\u00e4nomen und die zweite Moderne nicht zuletzt vom R\u00fccktransport modernistischer Vorstellungen aus den USA nach Europa getragen, so vollziehen sich im ausgehenden 20. Jahrhundert unter dem Vorzeichen der pluralistisch ausdifferenzierten Postmoderne vielerlei Interferenzen.<\/p>\n<p>So wird Jean-Michel Basquiat, der von Andy Warhol am Beginn der 1980er Jahre gef\u00f6rderte Shootingstar der New Yorker Szene, nicht nur der Wegbereiter eines wilden Neoexpressionismus in den USA und in Europa, er ist aufgrund seiner karibischen Herkunft auch Vorreiter einer Bildsprache, die Rassismus und soziale Ungleichheit zwischen Schwarz und Wei\u00df thematisiert. Im New Yorker Underground begann Basquiat als Graffiti-Sprayer und Musiker, bevor er \u2013 gerade 20-j\u00e4hrig \u2013 seine Kunstkarriere startet und in kurzer Zeit als erster farbiger K\u00fcnstler internationales Renommee erlangt. Zum Faszinosum wird das revolution\u00e4re Quellenmaterial seiner Bilder und Zeichnungen. R\u00fcckbez\u00fcge auf die Pop-Kunst von Rauschenberg und Warhol werden mit den ephemeren Kalligrafien Cy Twomblys, mit Comic-Witz und Graffiti-Ikonografie gesampelt. Metallische Farben und kuriose Alltags-objekte umrahmen skeletthafte Figuren, groteske Masken, exotische Pikogramme und rudiment\u00e4r notierte Slangworte. H\u00e4ufiges Bildmotiv sind afroamerikanische Sportlerheroen, deren Siegerposen die politische Brisanz der Rassen-diskriminierung hinterf\u00e4ngt. In der kurzen Zeitspanne seines k\u00fcnstlerischen Wirkens bringt der bereits mit 27 Jahren an einer \u00dcberdosis Heroin verstorbene Jungstar ein neuartiges Bildvokabular hervor, in dem sich die aus den Traditionen der westlichen Moderne hervorgegangene Pop-Kunst mit Zitaten aus der afroamerikanischen Kulturgeschichte sowie mit einer bei\u00dfenden Gesellschaftskritik aufl\u00e4dt.<\/p>\n<p>In den zeitgen\u00f6ssischen Kunstszenen der interkontinental agierenden Metropolen Chinas, Afrikas, Brasiliens oder Indiens sind Aneignung und Auseinandersetzung mit der europ\u00e4isch-amerikanischen Moderne inzwischen mit gro\u00dfer Selbst-verst\u00e4ndlichkeit eingebunden in einen Bewusstwerdungsprozess \u00fcber das eigene, historisch verankerte Anderssein. So greifen Maler in Peking, Schanghai oder Hongkong mit dem Medium der Malerei auf Leinwand eine Kunstform auf, die in ihrer Kultur ein Fremdk\u00f6rper war, doch sie verbinden sie mit heimischen Kulturelementen, sodass sich der Konflikt zwischen dem Althergebrachten und dem Neuen in hybriden Bildern und Erz\u00e4hlformen artikuliert.<\/p>\n<p>2002 \u00f6ffnete sich die Documenta erstmals den Problem-horizonten globalisierter Kunstpraxis. Ihr k\u00fcnstlerischer Leiter, Okwui Enwezor, sah die Aufgabe der Documenta 11 nicht mehr gem\u00e4\u00df ihrer historischen Genese in einer museologischen Tradition, \u201ein der die Kunst f\u00fcr Modelle der Repr\u00e4sentation und der Erz\u00e4hlungen von autonomer Subjektivit\u00e4t\u201c stand345, sondern definierte sie als multidisziplin\u00e4res Labor und \u201ePlattform\u201c k\u00fcnstlerischer Prozesse, die au\u00dferhalb der westlichen Kultur produziert werden, aber beides in sich tragen, die Geschichte der Avantgarden und die kolonialistische<\/p>\n<p>Vergangenheit ihres Herkunftslandes. Sowohl die grotesk- postmodernen<i> Phantom<\/i>-Architekturmodelle f\u00fcr die Megacities der Zukunft des aus Zaire stammenden K\u00fcnstlers Bodys Isek Kingelez als auch die suggestiven Zeichentrickfilme von William Kentridge, der die Folgen der Apartheid in seiner s\u00fcdafrikanischen Heimat durchleuchtet, reagieren auf den utopischen Impetus der fr\u00fchen Avantgardebewegungen und implizieren gleichzeitig Kritik an der heutigen Abh\u00e4ngigkeit postkolonialer afrikanischer Staaten von den Almosen des globalisierten Kapitals.<\/p>\n<p>Als Betriebssystem ist die bildende Kunst zutiefst in die Strategien des kapitalistischen Marktes eingebunden, sodass sich der K\u00fcnstler heute mehr denn je der Frage konfrontiert sieht, wie weit er innerhalb globalisierter Kommunikations- und Marktfluktuationen als Subjekt noch autonome Handlungs-vollmacht besitzt und f\u00fcr sich jenseits von \u00fcberholten Heilsbotschaften eine neue Form von Eigentlichkeit finden kann.<\/p>\n<p>In der Verlaufsgeschichte der Moderne sind ihre Fortschrittseuphorie und ihr Erneuerungspathos schon vor der Diskussion um postmoderne Grenz\u00fcberschreitungen infrage gestellt worden. So gab es in Reaktion auf die mit philo-sophischen und<i> <\/i>gesellschaftspolitischen Theorien aufgeladenen Abstraktionen Kandinskys, Mondrians und Malewitschs sowie auf den Geniekult der Abstrakten Expressionisten R\u00fcckzugs-bewegungen aus dem kanonisierten Fortgang der Moderne, die nachfolgende Avantgarden mit produktiven Impulsen bereichert haben. Als sich Fauvismus, Kubismus, Futurismus, Kubo-futurismus und Expressionismus in ihrem Erneuerungswillen gegenseitig zu \u00fcbertrumpfen suchten, war die dekadente \u00c4sthetik des Symbolismus den K\u00fcnstlern der ersten Moderne nicht weniger suspekt als die akademische Salonmalerei und der Historismus des 19. Jahrhunderts. Und doch hat diese Stilrichtung mit ihren von Sigmund Freud unternommenen<i> <\/i>Einblicken in das Labyrinth der unterbewussten Begierden die psychoanalytische Sensibilit\u00e4t f\u00fcr die D\u00e4monie des Sinnlichen an Munch, Kokoschka oder die deutschen Expressionisten weitergegeben.<\/p>\n<p>Geradezu symptomatisch ist der Wechsel bzw. das Nebeneinander von progressiven und retardierenden, von stilistisch produktiven und reproduktiven Phasen f\u00fcr den Werkverlauf des bedeutendsten Protagonisten der Moderne, Pablo Picasso. Als die von ihm initiierte kubistische Auf-splitterung des Gegenstandes in abstrakte Formen lebhafte Nachahmung findet, sucht er \u2013 nicht zuletzt auch in Reaktion auf die unruhigen Vorboten des Ersten Weltkrieges \u2013 nach dem ordnenden Gleichma\u00df im R\u00fcckzug auf klassizistische Stil- und Motivannexionen. In vergleichbarer Weise reagieren de Chirico und Carr\u00e0 auf den aggressiven Fortschrittsl\u00e4rm der Futuristen. Ein weiteres Mal \u2013 nun unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges \u2013 bewegt sich Picasso gegen den Strom der sich ersch\u00f6pfenden ersten Moderne. W\u00e4hrend die \u00c9cole de Paris \u2013 Erbe der Abstraktionsbewegungen \u2013 die Gr\u00e4uel und Leiden des Kriegsgeschehens mit harmonies\u00fcchtigen Farbgestikulationen aus dem Ged\u00e4chtnis zu verdr\u00e4ngen sucht, leistet Picasso mit der kathartischen Vergegenw\u00e4rtigung grausam deformierter Menschenleiber auf seinem Gem\u00e4lde <i>Leichenhaus<\/i> (1945) tiefgreifende Trauerarbeit.<\/p>\n<p>So h\u00e4ufig die Avantgarden in Opposition zu totalit\u00e4ren Ideologien standen, so oft gingen sie auch den Pakt mit Ideologien und M\u00e4chtigen unter dem Vorzeichen des gesell-schaftlichen Fortschritts ein. Erinnert sei in diesem Kontext an die wechselnden B\u00fcndnisse zwischen den Revolution\u00e4ren und den k\u00fcnstlerischen Avantgarden in Russland, aber auch an die politischen Interessen, mit denen der Transfer gestisch-expressiver Abstraktion als Erneuerung der Moderne von den USA nach Europa und dort insbesondere in das von den Folgen des Krieges politisch und kulturell entleerte Deutschland verbunden war. So ist die Geschichte der Moderne auch eine des rigorosen Durchsetzungswillens und der gesteuerten Einflussnahme.<\/p>\n<p>Was Kunst unter den Vorzeichen ihrer Aufsplitterung in der Konkurrenz zu den elektronischen Medien noch leisten kann, ist die Kernfrage, der sich die K\u00fcnstler in nachmodernen Zeiten konfrontiert sehen. Der Erfolg von Richard Prince, der in den 1980er-Jahren als Nachfolger Warhols gefeiert, zum Shooting-star auf dem amerikanischen Kunstmarkt avanciert, erkl\u00e4rt sich daraus, dass er sich mit seinen abfotografierten Marlboro-Anzeigen die Wirksamkeit aneignet, die sich diese Sujets mit der \u00c4sthetik der Werbung erobert haben<i>. <\/i>Indem Prince in seinen Fotografien die Lasso schwingenden Cowboys repro-duziert, die durch die Weiten Amerikas reiten, legt er die hinter dieser Werbung verborgene epische Erz\u00e4hlung offen: den Mythos von den erfolgreichen Siedlern, die die neue Welt mit ihrem Durchsetzungswillen eroberten. Diese Kunst ist Analyse einer typischen Sprachform unserer Zeit, und indem Prince seine refotografierten Reklame-Cowboys mit einer leichten Portion Witz hinterf\u00e4ngt, balancieren diese Bilder geschickt<i> <\/i>zwischen Komplizenschaft und Kritik gegen\u00fcber der Bild-strategie der Werbung. Kunst ist f\u00fcr Prince somit nicht mehr Ausdruck von subjektiver Kreativit\u00e4t oder Emotion, sondern sie konstituiert sich aus beliebig vielen Sprachformen, die sich aus historischen und zeitspezifischen Komponenten zusammen-f\u00fcgen.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zu dieser Unverbindlichkeit fokussiert Herbert C. Ottersbach sein k\u00fcnstlerisches Tun wieder auf ein Sinn gebendes Ziel, das er in der Fortsetzung der von Gerhard Richter erprobten Methoden aus dem Dialog der Malerei mit der Fotografie und den digitalen Medien ableitet. Seine Bild-kompositionen beziehen ihre motivischen Elemente aus unterschiedlichen Archivquellen und Zeitr\u00e4umen. Am Computer synthetisiert Ottersbach sein Bild, und im malerischen \u00dcbertragungsvorgang auf die Leinwand entsteht die alle Fragmente homogenisierende Aura, die den Betrachter in den reflexiven Bildgehalt hineinzieht. Aus dieser manipulativen Methode geht eine geschichtsbewusste Malerei hervor, die in konzentrierten Bildern die Moderne mit ihren Erl\u00f6sungsversprechen, Theorien und gesellschaftspolitischen Auswirkungen auf den Pr\u00fcfstand stellt. Der Werkzyklus <i>Modernebilder<\/i> (1995-1999) ruft in schemenhaften Bildern die politischen und k\u00fcnstlerischen Utopien des 20. Jahrhunderts ins Ged\u00e4chtnis zur\u00fcck und erinnert an das Scheitern ihrer auf Weltverbes-serung ausgerichteten Apodiktik. Zugleich begreift Ottersbach dieses Scheitern f\u00fcr sich selbst als neue k\u00fcnstlerische Chance.346 Die \u00e4sthetische Aura seiner Malprozesse will \u201eFreir\u00e4ume\u201c \u00f6ffnen, in die sich reflexive Sonden ohne vorgefestigte Denkrichtung einbetten.<\/p>\n<p>In seinem 1998 erschienenen Buch <i>Die Moderne im R\u00fcckspiegel <\/i>bemerkt Werner Hofmann zur Postmoderne, dass ihr \u201efreibeuterischer Aspekt\u201c, mit Zitaten, Zynismen und Paraphrasen spielend, alles erlaubt. Das einzige, was sie sich verbietet, ist der Anspruch auf Modellcharakter. Zugleich weist Hofmann darauf hin, dass postmoderne Stilmischungen die Traditionen der Kunst nicht \u00fcber Bord werfen, sondern nur die kanonische Rangordnung von Geschichtsprozessen.347<\/p>\n<p>Wo K\u00fcnstler mit komplexer Beweglichkeit ihr gebrochenes Verh\u00e4ltnis zur historischen Moderne reflektieren, verl\u00e4sst die postmoderne Kunst ihren \u00dcbergangscharakter und nimmt wom\u00f6glich den Anlauf, in eine neue, andere Moderne einzuleiten.<\/p>\n<hr \/>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div><span style=\"font-size: 10pt;\">341<i>\u00a0 Daniel Richter \u2013 Hintergrund<\/i>, Ausst.-Kat. Museum f\u00fcr Gegenwartskunst, Basel 2006, S.212.\u00a0<\/span><\/div>\n<div><span style=\"font-size: 10pt;\">342\u00a0 Siehe dazu Emma Dexter:&gt;Die Welt als a\u2013 Historienbild, Stilllleben und das Unheimliche&lt;, in: <i>Luc Tuymans<\/i>, hrsg. von\u00a0Emma Dexter und Julian Heynen, Ausst.-Kat. K21, D\u00fcsseldorf 2004, S. 17-27, hier S. 27.<\/span><\/div>\n<div><span style=\"font-size: 10pt;\">343\u00a0 Kommentar von David Cohen, in: <i>The New York Sun<\/i>, 24. Mai 2007.<\/span><\/div>\n<div><span style=\"font-size: 10pt;\">344\u00a0 Interview von Jordan Mejias mit Neo Rauch, in: <i>Frankfurter Allgemeine Zeitung<\/i>, 22. Mai 2007.\u00a0<\/span><\/div>\n<div><span style=\"font-size: 10pt;\">345\u00a0 Okwui Enwezor: &gt;Die Black Box&lt;, in: Documenta 11. Plattform 5: Ausstellung, Ausst.-Kat. Kassel 2002, S. 54.<\/span><\/div>\n<div><span style=\"font-size: 10pt;\">346\u00a0 Siehe auch Thomas Wagner: &gt;Restlicht der Moderne. Der K\u00fcnstler Heribert C. Ottersbach&lt;, in: <i>art<\/i>, 3\/2008, S. 30ff.\u00a0<\/span><\/div>\n<div><span style=\"font-size: 10pt;\">347\u00a0 Werner Hofmann: Die Moderne im R\u00fcckspiegel (wie Anm. 333), S. 345.\u00a0<\/span><\/div>\n<p>(In: Blickpunkt Moderne, S. 411-419)<\/p>\n<p>\u00a9 DuMont Buchverlag, K\u00f6ln<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2010 Im Oktober ist im DuMont Buchverlag mein neues Buch erschienen: Karin Thomas: Blickpunkt Moderne. Eine Geschichte der Kunst von der Romantik bis heute. DuMont Buchverlag K\u00f6ln,\u00a0464 S., 24,80 Euro &nbsp; Einleitung In der Kunstwissenschaft hat sich der Begriff \u201eModerne\u201c &hellip; <a href=\"https:\/\/karinthomas.eu\/?p=42\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[7],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/karinthomas.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/42"}],"collection":[{"href":"https:\/\/karinthomas.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/karinthomas.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/karinthomas.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/karinthomas.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=42"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/karinthomas.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/42\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":43,"href":"https:\/\/karinthomas.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/42\/revisions\/43"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/karinthomas.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=42"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/karinthomas.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=42"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/karinthomas.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=42"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}