{"id":317,"date":"2016-02-02T16:15:42","date_gmt":"2016-02-02T15:15:42","guid":{"rendered":"http:\/\/karinthomas.eu\/?p=317"},"modified":"2017-02-27T18:13:06","modified_gmt":"2017-02-27T17:13:06","slug":"expeditionen-eines-bilderkaempfers","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/karinthomas.eu\/?p=317","title":{"rendered":"Expeditionen eines \u201eBilderk\u00e4mpfers\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Text als Word-Dokument downloaden: <a href=\"https:\/\/karinthomas.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/5-4-at-word.doc\"><span style=\"color: #7f93bd;\">Expeditionen_eines_Bilderkaempfers.doc<\/span><\/a><\/p>\n<p><strong><span style=\"font-size: 14pt;\">2008<\/span><\/strong><\/p>\n<h1><span class=\"Apple-style-span\" style=\"font-size: 18pt;\"><b>Expeditionen eines \u201eBilderk\u00e4mpfers\u201c<\/b><\/span><\/h1>\n<p>Wer immer das Berliner Atelier des 1968 im\u00a0 russischen Krasnodar geborenen Malers Igor Oleinikov betritt, wird unwillk\u00fcrlich von der herausfordernden Melancholie der hier versammelten gro\u00dfformatigen Gem\u00e4lde in Bann gezogen. Weit entfernt von der modischen Attit\u00fcde, mit der hierzulande gegenw\u00e4rtig eine erz\u00e4hlfreudige Figuration Ironie mit Nostalgie und Pop-Voyeurismus mit Obsessionen vielf\u00e4ltiger Herkunft zu einer bunten Zitatenmalerei verschr\u00e4nkt, begegnet man in den asphalttonigen Bildern Oleinikovs einer malerisch ausgereiften Sublimation von Selbstanalyse und Realit\u00e4tserfahrung.<\/p>\n<p>Jedes Sujet verweigert eine direkt ablesbare Bildanekdote. Der Prozess des Malens erweist sich vielmehr als ein existenzielles Geschehen, in dessen Verlauf der K\u00fcnstler seine Emotionen verortet und sich selbst reflektierend zu umgreifen sucht. Je intensiver man diese von starken Hell-Dunkel-Kontrasten durchsetzten Tableaus betrachtet, um so mehr bemerkt man ihre tonale Vernetzung: Man erlebt sie als eine sehr pers\u00f6nliche Positionsbestimmung, wie sie nur in einer wortfernen Sprache erfolgen kann, vergleichbar den zyklischen Melodien in Schuberts <i>Winterreise<\/i>, deren Texte ein Naturbild beschreiben, w\u00e4hrend sich auf einer Metaebene der reinen Musik ein Seelendrama offenbart.<\/p>\n<p>Oleinikovs vereinzelte Gestalten befinden sich jeweils in einer extraordin\u00e4ren physisch-psychischen Herausforderung, die zwischen Resignation und Abschiedsqual, Aufbruch und banger Erwartung oszilliert. Die Begegnung mit einer fremd anmutenden Welt, die der Maler auf seinen Bildern inszeniert, wird zur Metapher f\u00fcr das Sondieren eigener Befindlichkeiten: Entkr\u00e4ftet kauert ein sich selbst \u00fcberlassener Wanderer inmitten einer eisigen \u00d6dnis, die sich fast endlos als riesige Leerstelle zwischen ihm und seinem Ziel, einer kleinen Ansiedlung am Fu\u00dfe eines Berges, ausdehnt (<i>Berg<\/i>). Auf einem anderen Bild ist ein verzweifelter Fluchtversuch im giftgr\u00fcnen Dschungel einer selbstqu\u00e4lerischen Ausweglosigkeit gescheitert. So wie sich in die rigorose Abstraktheit der wei\u00dfen Ebene das melancholische Angstdunkel des Wanderers als apokalyptisches Stimmungsbild eingeschrieben hat, ist auch dieses Szenarium einer gefahrvollen Randlage Allegorie, in der sich ein psychischer Zustand Sinn-verbildlicht (<i>Fluchtversuch<\/i>). Auf dem Gem\u00e4lde mit dem verr\u00e4tselten Titel <i>Jahre<\/i> sucht ein wahrhaft Alleingelassener nach Orientierung inmitten eines Labyrinths. Die mit minuti\u00f6ser Realistik figurierte Gestalt in Mantel und Hut, die wir nur in R\u00fcckenansicht sehen, verharrt vor einer schemenhaft gezeichneten Raumkulisse, deren W\u00e4nde vom Sog dunkler Fensterh\u00f6hlen wie von schwarzen L\u00f6chern durchsto\u00dfen werden. Folgt man der F\u00e4hrte, die der Bildtitel auslegt, so erschlie\u00dft sich das hermetische Geh\u00e4use als das eigene Leben, dem der Flaneur gegen\u00fcbersteht. Sein Weg ist gleicherma\u00dfen R\u00fcckschau und Suche nach Aufbruch. Und doch ist diese sorgf\u00e4ltig konzipierte Komposition keine Episodenschilderung, sondern sie verdichtet mit beklemmender Aura ein traumartiges Verweilen, in dem sich Urszenen des Lebens zeit- und raumentr\u00fcckt vergegenw\u00e4rtigen.<\/p>\n<p>Oleinikovs melancholische Wanderer durch unwirtliche Regionen wecken Assoziationen an die Figur des Stalker aus dem gleichnamigen Film, den der russische Regisseur Andrej Tarkowski 1978\/79 drehte und der aufgrund seiner eigenwillligen Bildsprache sofort nach seiner westlichen Erstauff\u00fchrung beim Festival in Cannes als Meisterwerk der Filmkunst gefeiert wurde. Was dort zun\u00e4chst wie ein Science-fiction-Abenteuer angelegt ist, die Expedition des Stalker in postapokalyptische verbotene Zonen, entpuppt sich sehr bald als ein Geschehen mit verschl\u00fcsselter Symbolik in einer dichten Atmosph\u00e4re zwischen Traum und Poesie. Denn die Expedition, die der Stalker mit seinen Begleitern ausf\u00fchrt, wird letztlich f\u00fcr alle zur Reise in die Innenwelt &#8211; dorthin, wo sich Erinnerungen, \u00c4ngste und W\u00fcnsche begegnen. Der amorphe Vegetationsteppich, der auf Oleinikovs Gem\u00e4lde <i>D\u00e9j\u00e0-vu<\/i> den Schlafenden und seine Traumgestalten wie in einer bizarren Naturh\u00f6hle umschlie\u00dft, erinnert unmittelbar an Szenarien aus den verbotenen Arealen, die Stalker zu betreten wagt.<\/p>\n<p>Oleinikov allegorisiert wie Tarkowski hinter der Protagonisten-gestalt seines nomadischen Sinnsuchers, der seit der Romantik unter vielf\u00e4ltigen Maskierungen in Kunst und Literatur in Erscheinung getreten ist, seine Existenz als K\u00fcnstler und sondiert mit einer rigorosen Neugier deren Tiefenschichten. Aufschlussreich sind die wie Tageb\u00fccher anmutenden Skizzenbl\u00e4tter, auf denen er die Rhythmen seines K\u00fcnstleralltags in allen Nuancen festh\u00e4lt und zugleich sein Werkprogramm in akribischen Bildpl\u00e4nen erprobt. Gedankensplitter und wie zuf\u00e4llig aneinander gereihte Wortakkumulationen sind durchwebt von Emotionsprotokollen, die mit ganzen Serien kastenartig gefasster Miniaturzeichnungen korrespondieren. Diese rasch mit dem Bleistift zu Papier gebrachten Skizzen erweisen sich bei eingehender Betrachtung als szenische Bozzetti, in denen der Maler die landschaftlichen oder architektonischen B\u00fchnenprospekte seiner Gem\u00e4lde entwirft, aber auch seinem Portr\u00e4t in immer anderen Selbstbeobachtungen gegen\u00fcbertritt. Worte wie \u201eSchock, Begeisterung, Melancholie, Verlust, Trennung, Hoffnung, Warten\u201c mischen sich mit momenthaften Psychogrammen und allegorischen Zustandsbeschreibungen. So enthalten die Randspalten der Bl\u00e4tter neben Notaten, die an Alltagsverpflichtungen erinnern, tiefsinnige Satzfetzen, in denen sich eine schonungslose F\u00e4hrtenlese an den Grenzzonen der eigenen Psyche artikuliert. Je genauer man den Spuren dieser verbalen Zustandsprotokolle und der szenischen Genese der Bildkonzeptionen folgt, umso mehr \u00f6ffnet sich ein Zugang in den Sinnfundus, der sich in den Motiven verr\u00e4tselt. Damit verbunden ist ein magischer Hermetismus, der den Betrachter in das Eigenleben dieser metaphorischen Bilder hineinzieht und seine eigenen Imaginationen in Gang setzt.<\/p>\n<p>Oleinikovs Malerei verweigert sich jeder Ber\u00fchrung mit der auf Moskau zentrierten Soz-Art seiner gleichaltrigen Landsleute, die ihre postsowjetische Kunst mit einem staunenden Blick auf kontr\u00e4re Welten aufgeladen haben. Verbinden sie doch ihre Kritik an der gebeutelten heimatlichen Zivilisation mit einer plakativen Theatralik, die sich zwischen Banalit\u00e4t, Pathos und Ironie ansiedelt. Oleinikov hatte jedoch den Mut, sich einem radikalen Selbstfindungsprozess auszusetzen, als er vor zehn Jahren nach einer in Krasnodar abgeschlossenen Ausbildung, nach Milit\u00e4rdienst und anschlie\u00dfender T\u00e4tigkeit als \u201eAgit-Prop-Maler\u201c in einer Lederwarenfabrik nach Deutschland kam und sich f\u00fcr ein weiteres Studium der Malerei an den Kunstakademien von Karlsruhe und D\u00fcsseldorf entschloss. Statt vorgegebene malerische Konzepte zu annektieren, suchte er nach einer angemessenen Bildform f\u00fcr die unabh\u00e4ngige k\u00fcnstlerische Existenz, die sich seiner Vorstellung eingeschrieben hatte und nach einer expressiven Gestaltung verlangte.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der D\u00fcsseldorfer Akademiezeit avanciert Oleinikov zum Meistersch\u00fcler von Markus L\u00fcpertz, der die au\u00dfer-ordentliche Begabung und Eigenst\u00e4ndigkeit des seit 2005 freischaffend t\u00e4tigen Malers treffend mit den Worten w\u00fcrdigt: \u201eEs w\u00e4re zu einfach, bei den Bildern von Igor Oleinikov das Russische zu sehen und dennoch ist man verf\u00fchrt, der Bequemlichkeit halber daraus vieles zu erkl\u00e4ren. Erwecken die Bilder von Igor Wehmut, Weite und Seele, Attribute, die sich nur thematisch gesehen mit dieser russischen Seele verbinden. Igor malt sicherlich aus vielen, aus anderen und aus diesen Gr\u00fcnden.\u201c In der Tat wird hier die Kultivierung eines individuellen Malkonzeptes deckungsgleich mit einer prozessualen Expressivit\u00e4t, die in ihrer kathartischen Selbstreinigung eine an Dostojewskis Seelenanalysen erinnernde Rigorosit\u00e4t entfaltet hat. Das eigentliche Faszinosum, das von diesen Bildern ausgeht, entspringt ihrem Wagnis, sich den dunklen Kehrseiten des Sch\u00f6nen dort zu n\u00e4hern, wo aus dem Chaotischen die inspirierende Meditation \u00fcber etwas Neues hervorgeht.<\/p>\n<p>Zwei Gem\u00e4lde aus dem Jahr 2006, <i>Licht<\/i> und <i>Bilderk\u00e4mpfer<\/i>, zeigen in einem allegorischen Aktionismus die obsessive Vehemenz, mit der sich die k\u00fcnstlerische Selbstverortung vollzogen hat. Auf beiden Gem\u00e4lden wehrt sich eine prometheische Gestalt, die sich in einem Kraftakt des erhellenden Feuers bem\u00e4chtigt, gegen eine geballte Phalanx von bewaffneten Angreifern, die sie &#8211; aus gespenstischen Nebelschwaden auftauchend &#8211; mit ihren Aggressionen attackieren. Diese mythologisch chiffrierten Selbstgespr\u00e4che des Malers \u00fcber sein K\u00fcnstler-Dasein beschw\u00f6ren eine kafkaeske Stimmung, die an die <i>Schwarzen Bilder<\/i> Goyas gemahnt. Dort begegnen wir erstmals der beklemmenden Atmosph\u00e4re von rigorosen Selbstgespr\u00e4chen, der komplement\u00e4ren Spannung zwischen dem Dunkel und dem Licht, in deren unausweichlicher Zerrissenheit die Kreativit\u00e4t ihre Quellen findet. Auch Oleinikov versteht es meisterhaft, seinen Bildern eine dramatische Raumtiefe aus dem Wechsel-spiel zwischen dunklen Grau- und glei\u00dfenden Lichtzonen zu geben und in sie hinein seine Autoportr\u00e4ts zu projizieren. Ein subtil gemalter Schleier aus schwebenden Farbschlieren legt sich in dem Gem\u00e4lde <i>Licht<\/i> \u00fcber das Figurationsgeflecht aus einer in die Tiefe fluchtenden \u00f6den Industrielandschaft und den als geballte Masse auftretenden Angreifern. Im Fluchtpunkt ihrer Bajonette steht der aus ihren Reihen Herausgetretene. In diesem Traumbild erinnert der K\u00fcnstler noch einmal den f\u00fcr seine Psyche geradezu gewaltsamen Akt der Selbstfindung.<\/p>\n<p>In einer Reihe von Traumbildern tritt ein roter Farbfluss in Erscheinung und behauptet sich kraftvoll gegen\u00fcber dem Sog der dunklen Bildr\u00e4ume. W\u00e4hrend die Gem\u00e4lde <i>Entscheidung<\/i> und <i>Pause<\/i>\u00a0 Wegetappen des Abschieds und des Aufbruchs in traumanalytischen R\u00fcckblicken rekapitulieren, verdr\u00e4ngen die Impulse der monochromen Farbe im puren Rot zunehmend das Figurenpersonal und die Landschaftsprospekte aus den Erinnerungsbildern. Stattdessen breitet sich ein Areal der Meditation aus, dem sich das K\u00fcnstler-Ich anheimgibt. Dessen abstrakte Transparenz speichert die k\u00fcnstlerischen Hoffnungen, W\u00fcnsche und Erwartungen an die Zukunft, transformiert aber auch im Prozess des Malens bittere Erfahrungsmomente in eine poetische Sph\u00e4re entr\u00fcckter Wehmut.<\/p>\n<p>Wie bereits anfangs konstatiert, portr\u00e4tiert sich Oleinikov als Wanderer, dessen Sinnsuche nicht geradlinig verl\u00e4uft. In Notaten auf den Skizzenbl\u00e4ttern und in seinen Selbstbeobachtungen sondiert er stets aufs Neue, was es f\u00fcr ihn hei\u00dft, sich ganz \u201ef\u00fcr die Kunst\u201c zu entscheiden. Das Gem\u00e4lde <i>Pause<\/i> gibt Aufschluss dar\u00fcber, dass die den <i>Bilderk\u00e4mpfer <\/i>angreifende Phalanx keine Fremden sind, sondern &#8211; ausgestattet mit der signifikanten Physiognomie des Sinnsuchers &#8211; als dessen beunruhigende Wiederg\u00e4nger aus anderen Lebensabschnitten auftauchen. Auf dem Gem\u00e4lde <i>Pause<\/i> sind sie wie auch der Sinnsucher f\u00fcr einen Moment des Innehaltens in einen bleiernen Schlaf versunken.<\/p>\n<p>Existenz <i>f\u00fcr die Kunst<\/i>, wie ein Bildtitel lautet, bedeutet Vereinsamung, Leiden an Verlusten und an Erinnerungen &#8211; Zust\u00e4nde, denen Oleinikov in allegorischen Parabeln viel-schichtigen Ausdruck gibt. Dem inneren Ged\u00e4chtnis entsteigen r\u00e4tselhafte Imaginationen, die in den Tiefen des Unter-bewussten ihre Ursachen lagern und im malerischen Akt ihr Ventil finden. So mag sich dem Betrachter beim Blick auf das Gem\u00e4lde <i>Mohnfeld<\/i> die Frage aufdr\u00e4ngen, ob sich hinter dem roten Farbfluss jenseits seiner allegorischen Verweisfunktion auf die k\u00fcnstlerische Selbstent\u00e4u\u00dferung nicht auch ein historischer Assoziationsraum \u00f6ffnet, eine im Verlust verkl\u00e4rte Reminiszenz an die Heimatstadt Krasnodar verbirgt. Krasnodar bedeutet &#8211; w\u00f6rtlich \u00fcbersetzt &#8211; \u201erotes Geschenk\u201c. So wurde die Stadt 1920 von den Sowjetkommunisten benannt. Gegr\u00fcndet hatte sie 1794 unter dem Namen Jekaterinodar die in Deutsch-land als Prinzessin von Anhalt-Zerbst geborene Zarin Katharina die Gro\u00dfe als Festung und Milit\u00e4rstandort der Schwarzmeerkosaken, die ihren Unabh\u00e4ngigkeitswillen und Freiheitsanspruch noch unter sowjetrussischer Herrschaft verteidigten. Wie nachhaltig &#8211; wenn auch in Malvorg\u00e4ngen verschl\u00fcsselt &#8211;\u00a0sich Oleinikov in dieser Tradition sieht, l\u00e4sst sich an dem Umstand ablesen, dass er sich selbst gelegentlich wie ein Kosak ins Bild setzt. Die Landschaft in der Region Krasnodar am Fu\u00dfe des Kaukasus wird von weiten fruchtbaren Getreidefeldern gepr\u00e4gt, \u00fcber die sich im Sommer ein Meer von Mohnbl\u00fcten ergie\u00dft. Halb eingetaucht in dieses idyllische Erinnerungsbild schaut ein selbstbewusstes K\u00fcnstler-Ich auf einer Variante von <i>Mohnfeld<\/i>, die den Titel <i>August<\/i> tr\u00e4gt, mit melancholischem Blick zur\u00fcck auf sein in Verzweiflung verharrendes Alter Ego. Oleinikovs Metapher des Mohnfeldes legt mit ihren zwiesp\u00e4ltigen Assoziationshorizonten von Verlusten und Sehns\u00fcchten den Vergleich mit den emphatischen Bildern zwischen Trag\u00f6die und neu aufkeimender Hoffnung nahe, die der Lyriker Paul Celan in dem Gedichtband <i>Mohn und Ged\u00e4chtnis<\/i> (erschienen 1952) beschworen hat. Wie bei Celan aus der \u00e4sthetischen Kraft des Natursymbols eine poetologische Selbstreflexion an den R\u00e4ndern des Unsagbaren hervorgeht, so verankert auch Oleinikov traumatische Realit\u00e4tserfahrungen und Erwartungen an seine k\u00fcnstlerische Selbstverwirklichung im sensiblen Gewebe seiner Metaphorik, um dort eine Begegnungsebene von Bewusstheit und Unbewusstheit auszuloten.<\/p>\n<p>Das <i>Atelier<\/i>, ein einsamer Raum aus purem Rot, ist die Transformationsschleuse, in der sich die Imaginationen aus der Vergangenheit mit neuen Projektionen amalgamieren. Hier entstehen Bilder, in denen Oleinikov die Bruchstellen von gesellschaftlicher Entfremdung und einsamer Selbstfindung in neuen kulissenhaften Einkleidungen erforscht. Jedes Detail der szenischen und figuralen Bildkompositionen wird dabei in zeichnerischen Arbeitsg\u00e4ngen vorbereitet. So wie die Bleistiftnotationen der Skizzenbl\u00e4tter eine landschaftliche Motivik erproben, die auf suggestive Tiefenwirkung fokussiert ist, werden auch Materialph\u00e4nomene, k\u00fchne Raumausschnitte und K\u00f6rperhaltungen in der Zeichnung akribisch vorformuliert. Aus dem Mit- und Ineinander von hauchfeinen Strichlagen, die der Bleistift auf den Bildtr\u00e4ger setzt, und kompakten Kompartimenten der \u00d6lfarbe resultiert eine raffiniert inszenierte Wechselwirkung von Licht- und Schattenpartien, mit deren Effekten Oleinikov nicht nur K\u00f6rperlagen in extremer Schr\u00e4gsicht konstruiert, sondern auch Raumebenen differenziert und unterschiedliche Materialkonsistenzen mit fotografischer Pr\u00e4zision beleuchtet (siehe hierzu die Zeichnungen <i>Tastend<\/i>, <i>K\u00e4lte<\/i>, <i>Glas<\/i> oder <i>Holz<\/i>).<\/p>\n<p>Als Betrachter ist man geneigt, eigene Vorstellungen in Oleinikovs mysteri\u00f6se Bildwelten und deren sinnliche Magie hinein zu interpretieren. Und doch schreckt man im gleichen Moment solcher Anwandlungen vor dem Ausdeuten zur\u00fcck, weil sich in jedweder Konkretion das Wesentliche dieser Bilder, die Anziehungskraft ihrer geheimnisvollen Impression, verfl\u00fcchtigen w\u00fcrde. Vor allem jene Gem\u00e4lde, die einen intimen Dialog zwischen ihrer bildf\u00fcllenden Architekturkulisse und der psychischen Befindlichkeit der Person austragen, die sich in dieser Bildwelt bewegt, verweigern eine narrative Lekt\u00fcre und erobern sich mit sanftem Zwang das \u00e4sthetische Wahrnehmen ihrer geheimnisvollen Aura.<\/p>\n<p>Auf dem Bild <i>Korridor <\/i>sieht sich der Betrachter von den drei Treppenstufen im Vordergrund und dem Lichtschein am Ende des schmalen Ganges zum Einstieg in die Korridortiefe auf-gefordert. Doch gleichzeitig entstr\u00f6mt dem Bildgef\u00fcge eine Gegenbewegung. Diese geht von dem alten Mann aus, der sich &#8211; m\u00fchsamen Halt ertastend &#8211; an die linke Korridorwand klammert, um der kalten Helligkeit in der Fluchttiefe des Raumes zu entfliehen. Albtraum und Faszination vereinigen sich zu einer atmosph\u00e4rischen Symbiose, die bildimmanent aus dem malerischen Procedere hervorgeht. Tritt man nahe an diese Gem\u00e4lde heran, wird ihre subtile Bildkomposition im hand-werklichen Detail ablesbar. So formt sich aus amorphen, kurz gesetzten Pinselflecken die Weichzeichnung der Landschaftsareale, w\u00e4hrend Architekturkompartimente &#8211; gleichg\u00fcltig, ob sie einen unscheinbaren Innenraum, ein Ruinenensemble oder den Portikus mit Treppenaufgang an einem verfallenen Herrschaftsgeb\u00e4ude ins Bild setzen (<i>Garten<\/i>) &#8211; eine sorgf\u00e4ltig austarierte Konstruktion aus unterschiedlichen Grautonlagen aufweisen. Wo diese malerischen Modalit\u00e4ten der Farbnuancierung und des konzeptuellen Raumaufbaus zusammenflie\u00dfen, schaffen Oleinikovs Bildfindungen eine eigene Welt, in deren melancholischer Poesie die hintergr\u00fcndige Stimmung aus den literarischen Werken Anton Tschechows oder die fotografischen Chamois-Ablichtungen auf alten Plattenkameras nachklingen. In diesen mit der Imaginationskraft seiner Kunst geschaffenen Resonanzraum bettet Oleinikov in Gestalt parabelhafter Figurationen die sich der Sprache entziehenden analytischen Expeditionen seiner K\u00fcnstler-Existenz.<\/p>\n<p>\u00a9 Karin Thomas<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\">In: Igor Oleinikov Sturm. Dresden: Sandstein Verlag 2008, S. 7-9.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Text als Word-Dokument downloaden: Expeditionen_eines_Bilderkaempfers.doc 2008 Expeditionen eines \u201eBilderk\u00e4mpfers\u201c Wer immer das Berliner Atelier des 1968 im\u00a0 russischen Krasnodar geborenen Malers Igor Oleinikov betritt, wird unwillk\u00fcrlich von der herausfordernden Melancholie der hier versammelten gro\u00dfformatigen Gem\u00e4lde in Bann gezogen. 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