Gespräch zwischen Karin Thomas und Cony Theis

 

Gespräch zwischen Karin Thomas und Cony Theis 25. 4. 2014 und 10. 3. 2015

KT: Was hat dich zu der Projektarbeit „Gefangene Geheimnisse“ mit Patienten der LVR-Kliniken Bedburg-Hau (2011 und 2012) und Langenfeld (2013 und 2014) veranlasst?
CT: Aufgrund meiner früheren Arbeiten im Kontext von Gerichtsprozessen und Rechtsprechungen, bei denen ich meine Methode des partizipatorischen Gesprächs angewendet habe, bin ich vom Landschaftsverband Rheinland (LVR) dazu eingeladen worden, mit den Klinik-Patienten in Bedburg-Hau und Langenfeld so zu arbeiten, dass sie jeweils aktiv Beteiligte der künstlerischen Aktionen werden. Meine persönliche Motivation beruhte darauf, dass ich seit jeher und noch verstärkt durch meine Tätigkeit als Gerichtszeichnerin ein intensives Interesse für menschliche Abseitigkeiten hege. Mich reizte zudem die Konfrontation mit dem Unvorhersehbaren bei diesem Projekt. Denn ich wusste ja nicht, ob ich mit den Patienten in Kontakt kommen würde. Diese Unruhe war aber zugleich meine Triebfeder, das Projekt anzugehen.
KT: Die in Bedburg-Hau an deinem Workshop teilnehmenden Patienten waren in zwei Gruppen gegliedert. Gab es spezifische Kriterien für die Gruppenzugehörigkeit?
CT: Die Gruppenzugehörigkeit der Teilnehmer ergab sich aus der Art der Einschränkung ihrer Schuldfähigkeit: Die Teilnehmer aus Gruppe 1 waren mental beeinträchtigte, nach § 63 StGB untergebrachte Patienten, die aus Gruppe 2 waren alkoholabhängige nach § 64 StGB untergebrachte Patienten.
KT: Wie hast du den Kontakt zu den Patienten hergestellt?
CT: Erst einmal habe ich mich den Patienten in Bedburg-Hau als Künstlerin mit einem nachdrücklichen Interesse für das Medium Porträt vorgestellt. Indem ich von meinen Erfahrungen als Gerichtszeichnerin berichtete, konnte ich darlegen, dass mir Verfehlungen wie auch immer nicht fremd sind. Im Hinblick auf meine Porträtarbeiten war mir wichtig, die von mir seit 1992 entwickelte Methode zu erklären, bei der jedes meiner Modellsubjekte an der Bildrealisation aktiv mitarbeitet und dadurch eine Komponente in das Bild einfließt, die ich selbst als Porträtierende nicht erbringen kann. Mit dieser Selbstdarstellung lag mir daran, die anfängliche Fremdheit zwischen mir und den Patienten zu überwinden. Danach haben wir ausschließlich über künstlerische Belange gesprochen.
KT: Was thematisierten diese Gespräche?
CT: Sie richteten sich nicht auf das Umfeld von Schuld und Vergeltung, sondern umfassten Fragen, die ich mir selbst als Künstlerin stelle und für relevant ansehe. Es ging um künstlerische Methoden der Bildfindung und um das Relativieren von Schwierigkeiten, die sich bei den Patienten in Bemerkungen wie: „Ich kann das und jenes nicht“, äußerten.
KT: Dein Gespräch mit den Patienten war somit auf einen Bereich fokussiert, der mit der juristischen und medizinisch-therapeutischen Situation dieser Menschen keine Berührung hatte.
CT: In der Tat, ich wollte meine Projektarbeit von Anfang an in einem Bereich ansiedeln, der frei war von den Bedingungen des Ortes. Die Patienten konnten ihre persönliche Biografie einfließen lassen. Von meiner Seite aus sollte der Workshop ein freies Procedere bleiben, in dem ich die geeigneten Wege zu einem dem Kunstprojekt angemessenen Verhalten finde.
KT: Wie hat sich dieser Prozess konkret vollzogen?
CT: Im Verlauf des ersten Workshops in Bedburg-Hau habe ich die Patienten zunächst dazu angeregt, sich selbst mit Farben und Stiften kreativ zu betätigen und sich darin ganz individuell über sich selbst zu äußern. Im Vorgang des Malens entstanden Entspanntheit, offenes Denken und gemeinsames Kennenlernen, da sich technische und inhaltliche Fragen durchmischten. Zugleich traten bei den Patienten erstaunliche kreative Fähigkeiten zutage.
Danach habe ich von den Patienten zunächst in klassischer Form ein Porträtbild erstellt, wobei mir jeder einzelne jeweils einige Zeit Modell saß. Schon vor dem Beginn der Projektarbeit hatte ich mir mit der hölzernen Wabe ein Behältermodul ausgedacht, das mir weiträumig und offen genug erschien, um alles an Bildfindungen aufzunehmen, was im Workshop an kreativen Arbeiten entsteht. Die Waben boten die Möglichkeit des Versammelns, der betrachtenden Sichtung und der seriellen Anordnung zu Gruppen.
KT: Habt ihr über die Darstellungsmöglichkeiten des Wabenmoduls im Verlauf der Projektvorgänge gesprochen?
CT: Ja, ich habe die Wabenform in Relation zur spezifischen Lage der Patienten vorgestellt. So wie die Patienten hinter Maschendraht eingeschlossen und mit dem Gegensatz von Innen und Außen konfrontiert sind, so besitzt die Wabenform als Behältermodul ein Innen und Außen. Wir planten nun, das Äußere der Wabenform unangetastet zu lassen, während das Bild der Person das Innere der einzelnen Wabe ausfüllen sollte.
Im zweiten Workshop von Bedburg-Hau wurden die Waben mit dem Materialfundus bestückt, den wir im ersten erarbeitet hatten.
Das von mir gezeichnete Porträt der einzelnen Patienten bildete die Mittelfläche des Wabeninneren, die Patienten gruppierten um dieses Bild eine Auswahl ihrer Arbeiten an den sechs inneren Seitenwänden der Wabe. Das Umfeld des Kopfporträts stellte sich somit als in sich geschlossene Form dar.
KT: Habt ihr über die symbolischen Dimensionen, die in der Wabenform enthalten sind, gesprochen?
CT: Darüber sind wir im zweiten Workshop ins Gespräch gekommen. Im ersten habe ich solche Fragen ausgeklammert, weil ich die Sorge hatte, Reflexionen über die symbolischen Implikationen der Wabenform seien zu abstrakt. Im zweiten Workshop wurden solche Fragen aber konkret greifbar und angesprochen, weil die Patienten Einfluss darauf nehmen konnten, in welcher Nachbarschaft sich die eigene Wabe in der Ensemblekonstellation befinden würde.
KT: Kamen bei derartigen Entscheidungen Freundschaften zum Tragen?
CT: Ja, die Berücksichtigung gewünschter Nachbarschaften, aber auch deren Unmöglichkeiten, sind in die Zusammenstellung eingeflossen. Denn das Gewünschte ist ja nicht in allen Fällen realisierbar. Die praktische Ausführung trat in den Vordergrund und in den dabei entstandenen Nachbarschaften spiegeln sich Freundschaften und Gruppenbildungen.
KT: Das Konvolut bildnerischer Patientenarbeiten aus dem Workshop enthält neben den in die Waben eingegangenen, jeweils individuell hergestellten Zeichnungen und Malereien auch großformatige wandfüllende Blätter, auf denen sich die Patienten gemeinschaftlich betätigt haben. Das Spektrum der Motivik reicht dabei von Körperumrissen bis zu sehr subtilen Symbol- und Chiffrensetzungen. Gab es bei diesen Gemeinschaftsarbeiten eine Entwicklung vom Einfachen zum Komplexen?
CT: Unbedingt. Die Idee hinter den großen Leinwänden lag zunächst schlicht im Angebot eines körperlichen Ausgleichs zu den vielen „Kleinarbeiten“. Das simple Thema „Reste der Farben vermalen“ war auch stressfrei, ohne Angst vor der großen freien Fläche. Zunächst gab es ein Nebeneinander von individuell wiedergegebenen bekannten Motiven wie Herzen, Häuser etc. und sehr persönlich aufgeladenen Bildern. Soweit ich weiß, sind auch vereinzelt intime „Beziehungsbilder“ darin untergebracht. Mit Abstand betrachtet ergab sich dann die Notwendigkeit, die einzelnen Teile zu einem Gesamtbild zusammenzufügen. D.h., die Komplexität liegt einerseits im Miteinander der individuellen Äußerungen, die sich gegenseitig befeuern, weiterhin aber auch im Eindringen in ein Bildverständnis, das sich über die Eigenanteile hinaus mit dem Gesamtergebnis auseinandersetzt.
Bei den Leinwänden mit Umrissen ging es – sehr spielerisch – von Anfang an um Gruppen- und Beziehungsdarstellungen. Es entstanden ganz unterschiedliche Gruppenformen, von strengen warriorhaften bis zu comicähnlichen Witzbild- Inszenierungen. Alle Gruppendarstellungen sind mit viel Humor umgesetzt worden.
In der Klinik Langenfeld gab es eine interessante Entwicklung. Damit es nicht zu erotischen Komplikationen kommen sollte – es sind auch sexuelle Übergriffe als Straftaten in den einzelnen Lebensgeschichten enthalten –, wurde seitens einer Therapeutin empfohlen, die Umrisse zwischen den Beinen wegzulassen. Unter zwischenmenschlichen Aspekten mag das richtig sein, auf der Leinwand visualisierte sich jedoch das Gegenteil. Es entstand etwas Unheimliches anstelle von etwas Harmlosem. In der nicht beabsichtigten Wirkung sah es so aus, als würden die Protagonisten Kutten tragen. Das heißt, aus der Vermeidungsstrategie war ein Bild der Angst erwachsen. Ich habe diesen Aspekt im Gespräch mit den Patienten thematisiert, sie haben die Bildwirkung auch erkannt und reflektiert.
KT: Ein Projektziel ist, dem Patienten im kreativen Prozess Wege zu öffnen, auf denen er sein Inneres selbst entdecken kann. Verstehst du deine Methode ganz bewusst als alternative Arbeitsweise zu derjenigen der Psychotherapeuten?
CT: Ich denke eigentlich nicht in Begriffen wie Alternativen, denn ich wollte ja in der Tat mit den Patienten gemeinsam ein Werk schaffen. Mir war wichtig, dass alle meine Gespräche und Aktionen mit den Patienten auf Augenhöhe stattfanden.
Mir liegt es daher absolut fern, das, was im Projektworkshop entsteht und was die einzelnen Patienten für sich erarbeitet haben, zu werten. In den Bildcollagen für das Wabenmodul haben die Patienten jeder für sich ihr Selbstporträt geschaffen. Unzugänglich aufgehoben sind darin ihre ureigenen Erinnerungen, Geheimnisse, Wünsche und Obsessionen. Mein Anteil daran war die offene Hilfestellung. Das ist wohl der entscheidende Unterschied zur Methode der Psychotherapeuten. Ich komme für das Workshop-Projekt etwa vier Tage in die Klinik und in der Zeit gilt es, ein Feld aufzubauen, in dem Freiheit herrscht. Denn Freiheit ist eine Grundvoraussetzung für künstlerisches Tun.
KT: Worin unterscheidet sich deine Arbeitsweise in der Klinik Langenfeld von der in Bedburg-Hau?
CT: In Bedburg-Hau reagierten die Patienten ohne Vorbehalte, ja mit Stolz, auf meine Porträtzeichnung von ihnen. In Langenfeld gab es jedoch von vornherein eine erhebliche Abwehrhaltung gegen das abbildende Porträt. Die Klinikleitung fürchtete massive Probleme mit der Öffentlichkeit, wenn die Patienten erkennbar wären. So trat das Projektthema „Gefangene Geheimnisse“ in Langenfeld anders als in Bedburg-Hau in Erscheinung. Da ich selbst zudem eine Abneigung gegen Wiederholungen hege, legte ich in Langenfeld den Schwerpunkt auf das Geheimnis und auf das Bild, das sich die Patienten von sich und von der Welt machen.
Aufgrund der Vorgespräche konnten die Therapeuten in Langenfeld die am Workshop teilnehmende Patientengruppe entsprechend vorbereiten.
KT: In der Kunst wird das Besondere des künstlerischen Porträtbildes darin gesehen, dass es – wenn es sehr gut gelungen ist – dem Flüchtigen des individuellen Innenlebens eine sichtbare Form gibt. Kann man sagen, dass sich die Wortbedeutung von Porträt für dich in Langenfeld technisch und in ihrem subkutanen Gehalt in diese Richtung erweitert hat?
CT: Was in Langenfeld entstanden ist, lässt sich am treffendsten unter die Bezeichnung >Selbstbild<subsummieren. Man kann die Frage stellen, ob die dortigen Workshop-Ergebnisse noch als Porträts bezeichnet werden können. In meinen Augen sind sie Porträts, aber sie erweitern die Begriffsgrenzen und genau an diesen Grenzen möchte ich meine Arbeitsmethode ansiedeln.
KT: Wie bist du auf das Thema >Geheimnis< gestoßen?
CT: Mein Interesse für Geheimnisse setzte während meiner Tätigkeit als Gerichtszeichnerin ein. Dabei habe ich wahrgenommen, dass das gemeinsame Wissen von Angeklagtem und seinem Anwalt um einen Sachverhalt im Gericht aufgrund der Schweigepflicht zum Geheimnis wird und einen außerordentlichen Schutz erfährt. Als mir das bewusst wurde, ist in mir ein Bild entstanden, auf dem ich die Anwälte als wandelnde Amphoren für Geheimnisse sah. Wie das Phänomen Geheimnis hat mich von da an auch die Problematik des Geheimnisschutzes sehr beschäftigt. Seinerzeit entstand daraus meine fotografische Projektarbeit der >Geheimnisträger<, zu der die Statements der beteiligten Personen genuin hinzugehören. Anhand dieses Projekts habe ich in den Kliniken mit den Patienten über das Phänomen >Geheimnis< gesprochen, über das Geheimnis der Geheimnisse eines jeden Menschen. Daran anknüpfend konnte ich mein künstlerisches Interesse darlegen, dem Vorhandensein von Geheimnissen eine Form zu geben, ohne dass damit eine Aufdeckung verbunden ist. Gemeinsam haben wir dann nach einer solchen Anschauungsform gesucht, der man ansieht, dass ihre Bildlichkeit ein besonderes Geheimnis enthält, dieses aber unlesbar belässt.
KT: Für den Beobachter ist es überraschend zu sehen, mit wie viel Fantasie und kreativer Energie die Patienten die Objektformen für ihre Geheimnisse entworfen haben. Wie hast du diese Leistung den Patienten entlocken können?
CT: Ich habe gar nicht damit gerechnet, dass die Resonanz bei den Patienten so groß sein würde. Ich konnte nicht vorhersehen, wie die Patienten es aufnehmen würden, dass ich die Geheimnisse visualisieren, aber nicht lüften will. Doch vorbereitet durch die Therapeuten, hatten sich die Patienten in Langenfeld schon vor der konkreten Workshop-Arbeit mit erstaunlichem Eifer komplexe Situationen zum Thema >Geheimnis< ausgedacht und dazu Fragen gestellt: Wie kann ich an die Höhle meiner tiefen Geheimnisse herankommen und wie kann ich sie heben ohne ihre Intimität zu verletzen? Anders als für die Arbeit der Therapeuten spielt es für meine Arbeitsweise keine Rolle, ob die Geheimnisse gut oder schlecht sind. Entscheidend ist nicht die Wertung, sondern ausschließlich das Urpersönliche des Geheimnisses. Das Wertvolle des Geheimnisses resultiert allein aus dem Bedürfnis, es als solches zu hegen. Denn im persönlichen Geheimnis ruht ein wesentlicher Teil des Individuellen.
In den Objektbehältern, die die Patienten für ihre Geheimnisse gebaut haben, konnte jeder Einzelne sowohl zerstörerische wie auch positive Kräfte bewahren.
KT: Wie weit benötigten die Patienten bei der Herstellung ihrer Geheimnisse-Behälter deine Hilfe?
CT: Zwei, später drei meiner Studentinnen haben mich als Praktikantinnen bei den technischen Workshop-Arbeiten unterstützt, da ich der Meinung war, für den Bau der Geheimniskörper und –behälter wären wohl viele helfende Hände notwendig. Diese Hilfestellung wurde auch in Anspruch genommen, jedoch so, dass man sich generell über die Möglichkeiten des kreativen Arbeitens verständigt hat, etwa über eine farbliche Objektfassung oder eine weiße Hülle.
Doch unsere Ratschläge blieben vollkommen offen. Wir lieferten nur noch Anregungen bei der technischen Arbeit, nachdem die Patienten selbst schon ihre Bildwelt geplant hatten. Gespräche über künstlerische Methoden und künstlerische Blicke kamen nun zum Tragen, die bei den Patienten eine spezifische Empfänglichkeit für künstlerische Formen öffneten.
Den entstandenen Objekten ist die Lust anzusehen, dem Geheimnis als solchem ein gegenständliches Bild zu geben, ohne es offenzulegen. Wir beobachteten, wie sich bei einigen Patienten eine bildhauerische Sichtweise auf das Material und ein sorgfältiger Umgang mit den Objektdimensionen ausbildeten. Den Patienten standen ganz einfache Mittel wie Draht, Gips, Papier, Leim und verschiedene Kleber zur Verfügung. Es war für mich jedoch eine faszinierende Erfahrung zu erleben, wie sich die Objektgestaltungen aus einem freien Experimentieren mit diesen einfachen Mitteln herausschälten.
KT: Was erwartest du von der Ausstellung der Workshop-Arbeiten?
CT: In einer Ausstellung lösen sich die Patienten-Arbeiten von meiner Person. Sie erhalten eine spezifische Ordnung und treten in Nachbarschaft zu Kunstwerken. Dabei stellt sich die Frage nach ihrer Wirkung in diesem ganz andersartigen Kontext. Doch dieses Risiko erlebe ich als besonderen Antrieb und erfahre in der Kontextverschiebung vom Workshop in die Ausstellung meine eigene künstlerische Leistung.
KT: Du erwartest also für dich selbst in der Ausstellung eine weiterführende künstlerische Dimension?
CT: Eben dieser Transfer der Porträts mitsamt ihrem Kontext aus einem geschlossenen „Innen“ in den – auch gedanklichen – Raum des „Außen“ ist Teil meiner künstlerischen Arbeit. So kann ein gesellschaftlicher Diskurs angeregt werden. Ich bin der Ansicht, dass sich in der Ausstellung erweisen wird, wie man auf die Bilder und Objekte aus den Workshops reagieren kann und wie sie sich interpretieren lassen. Man sieht ja, dass sie Darstellungen von Laien sind. Man muss sie also ganz offen nach ihrem künstlerischen Gehalt befragen, denn sie befinden sich nun im Umfeld von Kunstproduktionen.
KT: Wirst du die Exponate der Ausstellung kommentieren?
CT: Es wird keine ausschweifenden Kommentare, aber Hinweise auf den Entstehungsort der Exponate und das Umfeld ihrer Herstellung geben. Das Umfeld bewusst zu machen ist für mich sehr reizvoll, weil ich im Arbeitsprozess ja auch meine eigenen Vorurteile und meine künstlerischen Absichten begreifen lerne. Porträtieren bedeutet für mich, das eigene Weltbild im Dialog mit mir selbst und anderen zu verstehen.
Meine Arbeitsweise fordert mich dazu heraus, einen persönlichen wie auch realistischen Blick auf die vielschichtigen Wahrnehmungsmöglichkeiten von Wirklichkeit und Bildwirklichkeit zu gewinnen.
Im Blick auf die Wabenmodule werde ich selbst zum Betrachter. Indem ich dicht an sie herantreten muss, um ihre Innengestaltung zu sehen, stelle ich mir vor Augen, dass sich hier die geschlossene Welt des Patientendaseins verbildlicht. Einige der Patienten verbringen ein ganzes Leben hinter den verschlossenen Türen der Kliniken.
KT: Konntest du bei den Patienten Rückwirkungen deiner Workshop-Arbeit auf die kommunikative Verständigung feststellen? Anders gefragt: Kann das kreative Tun sprachliche Barrieren relativieren und individuelle Ausdrucksfähigkeit fördern?
CT: Das ist für mich schwer zu beurteilen, da ich mit den Patienten ja nur kurze Zeit zusammen war. Zudem waren die Voraussetzungen in Bedburg-Hau und Langenfeld sehr unterschiedlich. In Bedburg-Hau gab es Patienten, die erstaunliche Texte schrieben. In Langenfeld konnten die meisten Patienten meines Workshops nicht schreiben, aber in der Workshop-Situation hatten sie die Möglichkeit, sich auszuprobieren: Man entwickelt eine Idee, gelangt an eine Grenze und sucht nach weiterführenden Lösungswegen. Erstaunlicherweise haben die Patienten dieses Weiterfortkommen allein geschafft und den experimentierenden Umgang mit Farben, Materialien und Formen als anregend und lustvoll erlebt. Dabei spielte wohl auch die Gruppensituation eine Rolle. Alle sitzen im gleichen Boot und erleben, dass wie sie selbst auch der andere nach Lösungen sucht. Die individuelle Ausdrucksfähigkeit wird auf jeden Fall gefördert, wenn auch nicht unbedingt in der gesprochenen Sprache.
KT: Bedeutet das Sich-selbst-Erleben im kreativen Experiment auch das Erlernen von Möglichkeiten, durch eigene Träume, Wünsche und Obsessionen zu schweifen?
CT: Ich hatte in dieser Hinsicht ein schönes Erlebnis: Ein Patient wusste nicht, wie er sein Empfinden von Wut ausdrücken sollte. Ich schlug ihm vor, keinen illustrativen Weg zu wählen, sondern seine Emotionen in der Art der Pinselführung auszuleben, mit dem Pinsel das Papier wütend zu traktieren. Der Patient fand meinen Rat sehr überzeugend. An diesem Tag hat er selbst viele Bilder von ausgesprochener Intensität gemalt. Es gelang ihm, seine Empfindung von Wut in die kreative Energie von Bildsetzungen zu überführen. Ich fand es von ihm sehr mutig, sich mir gegenüber so zu öffnen.
KT: Die Kunstwissenschaft hat bisher auf Anregung von Ärzten vorwiegend Bildfindungen von hoch begabten Patienten gewürdigt. Ich denke dabei an das Haus der Künstler in Gugging. Die meisten psychisch Kranken in den Kliniken besitzen von sich aus keine Fähigkeit, sich bildnerisch auszudrücken. Erhoffst du von der musealen Ausstellung der Workshop-Arbeiten aus Bedburg-Hau und Langenfeld auch einen Anstoß dazu, die Anwendungsmöglichkeiten deiner Methodik in den forensischen Kliniken als festen Bestandteil der Therapie zu etablieren?
CT: Ich würde das begrüßen, weil ganz offenkundig hinsichtlich des Selbstwertgefühls positive Resonanzen entstehen, mit denen man arbeiten kann, und weil gleichzeitig in der kreativen Arbeit auch die Auseinandersetzung mit der eigenen Verantwortung für das Produkt zum Thema wird. Die psychisch Kranken werden ja meist nur als defizitäre Menschen wahrgenommen, was – circulus vitiosus – natürlich auch Auswirkungen auf ihr Selbstbild und dadurch vermutlich auf ihre weitere Entwicklung hat. Doch das Workshopkonzept muss an eine künstlerisch ausgebildete Person gebunden bleiben, die in der Lage ist, mit Unvoreingenommenheit und ästhetischer Erfahrung die Ergebnisse zu sehen und zu diskutieren.
KT: Hast du bei deiner Suche nach erweiterten Formen des Selbstbildes bestimmte Komponenten im Blick, die du weiter mit Patienten, aber auch mit Menschen wie du und ich erproben möchtest?
CT: Die Form der Partizipation am eigenen Bild macht aus Porträtmodellen Porträtsubjekte. Was im Prozess entsteht, ist für mich ein anregender Materialwiderstand. Komponenten entwickeln sich meist spezifisch für bestimmte Personen oder auch ausgehend von Orten oder Geschichte(n). Das Dreidimensionale werde ich sicher im Auge behalten. Spiegelung bleibt ein interessantes Verfahren. Vor kurzem las ich ein Zitat von Kokoschka, das ich unterschreiben würde: „Ich bescheide mich damit, dass ich Porträts male, weil ich es kann und darin meinen Weg zum Menschlichen sehe, einen Spiegel, der mir zeigt, wann und wo und wer und was ich bin“. Der Lohn der künstlerischen Arbeit ist die künstlerische Arbeit.

[Fortsetzung 10. März 2015]
KT: Das komplexe Kunstprojekt >Gefangene Geheimnisse< konntest Du im Winter 2014/15 in einer 3. Workshop-Phase mit forensischen Patientinnen der LVR-Klinik Bedburg-Hau zum Abschluss bringen. Wie hast Du einen kommunikativen Zugang zu den Frauen  hergestellt?                                                                                                      CT: Wie auch bei den anderen beiden Projektteilen habe ich zuerst das Gesamtprojekt vorgestellt und über mein grundsätzliches Interesse gesprochen, das Feld „Porträt“ zu erforschen und auszudehnen. Dabei habe ich einen Prototyp der Waben gezeigt und den Teilnehmerinnen die Frage gestellt, was als Facette ihrer selbst  wesentlich sein  könnte.                                                                                KT: Gab es Unterschiede in der Zusammenarbeit mit den weiblichen und den  männlichen  Patienten?                                               CT: Unbedingt. Diese Frage hat mich von Anfang an beschäftigt, immer mit Bedenken, einem Klischee zu folgen, oder die Abhängigkeit der Ergebnisse / Ereignisse von der jeweiligen Aufgabenstellung zu übersehen. Die Frauen haben im Verhältnis zu den Männern eher einzeln gearbeitet, waren teilweise kritischer, bei den Männern war mehr gegenseitige Neugier spürbar. Bei einem großformatigeren Gruppenbild kristallisierte sich z.B. heraus, dass ein auch nur teilweises Übermalen einer Form durch eine andere Person unakzeptabel wäre; es kam – anders als bei den Männern – gar nicht dazu, das Interesse an der Gesamtgestalt des Bildes zu thematisieren. Das auf den Unterschied zwischen Männern und Frauen (welchen?) zu beziehen, erscheint mir allerdings zu einfach. Es gab an einem der ersten Workshoptage ein sehr interessantes interdisziplinäres Gespräch mit dem Fachpersonal in der Klinik, bei dem ich über Probleme von PsychotikerInnen viel gelernt habe, u.a. auch, dass mein hier ursprünglich angedachter thematischer Schwerpunkt (die Visualisierung von Fremd- versus Selbstbild) aufgrund der seelischen Erkrankungen der Teilnehmerinnen nicht passte, schlechthin undurchführbar war. D.h., bei den drei Projektteilen waren nicht nur die Geschlechter verschieden, sondern auch die Krankheiten: deshalb bleibt die Frage nach den Gründen für mich offen.                                                                                                                 KT: Auch in dieser 3. Phase hast Du das Konzept der wabenartigen Porträtmodule zum Einsatz gebracht. Beim Betrachten der einzelnen Frauenporträts fällt auf, dass der malerische Stil ein anderer ist als derjenige der männlichen Bildnisse. So vermute ich, dass die Porträts nicht von  Deiner Hand sind.                                                                      CT: Das ist interessant, denn tatsächlich sind sie von mir. Mir erscheinen sie untereinander verschiedener als die Porträts der Männer. Das passt optisch zum vorher Gesagten.. Es gab auch folgenden Unterschied: Aufgrund von Zeitproblemen zwischen den beiden Workshops habe ich diesmal die Porträts gleich während der ersten Workshoptage gemacht, während bei den Männern eine Extrawoche dazwischen lag, d.h. wir kannten uns schon besser.                                                                                                                     KT: Bei der künstlerischen Wabengestaltung durch die Patientinnen fällt auf, dass die Frauen wohl das Bedürfnis hatten, ihr Porträt jeweils wie ein Medaillon in einen von ihnen farbig ausgestalteten, eingegrenzten Raum einzubetten.                                                                 CT: Anfänglich hatte ich vorgeschlagen, diesmal die Porträts in den Seiten zu platzieren (als eine Version zum „Fremdbild“), deshalb hatte ich mich auch sukzessive dafür entschieden, die Porträts kleiner zu machen als bei den Männern. Fast alle haben sich stattdessen entschlossen, die Porträts auszuschneiden und zentral auf die Rückwand aufzukleben, die einzige Ausnahme zeigt im Mittelfeld den Sohn der Teilnehmerin. Die Farbflächen sind Farbprofile der jeweiligen Personen.                                                                                      KT: Wie haben die Patientinnen eigenkreativ auf das Thema >Geheimnis< reagiert?

CT: In drei der Waben sind Delikte thematisiert worden, meist in abstrakter Form, in einem Fall übermalt. Besonders eine der Patientinnen hat sich von Anfang an auch mit dieser Materie als Teil des Selbstbildes auseinandergesetzt. Weiterhin gab es das Angebot, Objekte zum Motiv Wünsche und Träume zu machen. Diese Thematik wurde während des Workshops mit den Studentinnen und den Teilnehmerinnen zusammen entwickelt. Geheimnis war diesmal eher Nebenthema, ist mit Einschränkung aber in der Situation der Forensik immer schon enthalten.
KT: Bei Deiner kreativen Arbeit mit den männlichen Patienten besaß die Schaffung eines offenen Raumes für ein freiheitliches Tun einen zentralen Stellenwert im Kontext des Workshops. Konntest Du eine ähnliche Erfahrung auch mit den Patientinnen machen?                   CT: Ich hoffe, dass die Gesamtsituation so frei wie irgend möglich erfahren wurde. Ich vermute es so bei zumindest vier von den sechs Personen. Bei einer der Teilnehmerinnen gab es während des Workshops eine Medikamentenumstellung, wodurch sie einige Tage ausfiel. Das macht die Beurteilung fast unmöglich. unmöglich.                                                                                                       KT: Wie entstand die Vorstellung von der ovalen Form als Behältnis für die jeweils ganz persönlichen Geheimnisse?                                      CT: Sie ist der Mitarbeit der beiden Studentinnen zu verdanken, als Lösung für die Aufgabe einer mit einfachen Materialien handelbaren Form für (vormals) „Geheimnisobjekte“. Ursprünglich gab es die Idee einer großformatigen installativen Arbeit, in der diese Objekte versammelt würden, doch dazu reichte die Zeit nicht. nicht.                KT: Aus den Resten der Workshop-Materialien sind – wie ich den Fotos entnehme – Gitter aus farbigen Papierstreifen gebastelt worden. Die Ergebnisse sind in der Farbgestaltung unterschiedlich.                                                                                              CT: Die Farbgitter verdanken sich meiner persönlichen Neugierde. Sie sind aus den Reststreifen der in den Wabenseitenwänden versammelten Einzelblätter gemacht. Von Anfang an habe ich sie gesammelt und dann auch die Gitter geflochten, weil ich sehen wollte, ob sich die Farbigkeiten der Gruppen unterscheiden würden. Also untersuche ich hier „Gruppenerscheinungen“. Tatsächlich ist das Farbgitter (Drogen) dunkler und gebrochener in der Farbigkeit, das Farbgitter (Psychose) am leuchtendsten, die mental eingeschränkten sind untereinander ähnlich, ich könnte sie als farblich „unbekümmert“ bezeichnen.
Quelle: Cony Theis: Gefangene Geheimnisse/Imprisoned Secrets, KERBER ART, Berlin/Bielefeld 2016, S. 70-77 u. S. 152-153.

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