Eine ost-westdeutsche Freundschaft

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2009                                                                                              Eine ost-westdeutsche Freundschaft

Ein handgeschriebener Brief, den Klaus Werner über die Kulturabteilung der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik an meine Verlagsadresse expedieren ließ, wurde Auslöser unserer Bekanntschaft, aus der sich im Verlauf von mehreren Jahren eine von wechselseitigem Respekt getragene stille, aber verlässliche Freundschaft entwickeln sollte. Der Brief erreichte mich im Herbst 1980. Ein halbes Jahr zuvor war mein Taschenbuch Die Malerei in der DDR 1949–1979 im Verlag DuMont erschienen. Mit dieser kleinen Publikation unternahm ich einen ersten Versuch, den vielen im Westen unbekannt gebliebenen Künstlern aus dem anderen Deutschland so etwas wie ein stilkritisches Profil vor dem Hintergrund der Auswirkungen der Ost-West-Konfrontation zu geben, wurden doch im Westen bis zu diesem Zeitpunkt im wesentlichen nur die von dem Sammler Ludwig exponierten Maler Heisig, Mattheuer, Sitte und Tübke wahrgenommen, die auch auf der documenta 6 vertreten waren.

In seinem Brief würdigte Klaus Werner meinen Versuch, Entwicklung und Erscheinungsbild der Kunst aus der DDR zu bilanzieren. Er war damit der einzige ostdeutsche Kollege, der sich dazu in schriftlicher Form geäußert hat. Zugleich machte mich Klaus Werner darauf aufmerksam, dass mir als neugierigem Besucher aus dem Westen der Blick hinter das offizielle Ausstellungsgeschehen in die regionalen Nischen einer unangepassten Individualkunst jenseits des Staatsauftrags verwehrt geblieben war. Um mir diesen im Abseits agierenden Bereich der Kunstproduktion zu öffnen, lud er mich zu einem Besuch der Ostberliner Galerie des Staatlichen Kunsthandels Arkade am Strausberger Platz ein, die er zu dieser Zeit leitete. Wir trafen uns dort wenig später an einem stillen Wintervormittag 1981. Rasch stellten wir ähnlich gelagerte Interessen und Vorlieben für bestimmte Künstler fest, und nach einem erstaunlich ungezwungenen Gedankenaustausch über die Situation der zeitgenössischen Kunst in den beiden Teilen Deutschlands schenkte mir Klaus Werner von fast allen Ausstellungen, die er in der Galerie Arkade veranstaltet und kommentiert hatte, ein Exemplar jener kleinen Begleitkataloge mit dem signifikanten Floralsignet, die unter den Kunstfreunden in der DDR sehr begehrt waren.

Wie kaum ein anderer Kunsthistoriker aus der DDR blickte er, von den Kulturfunktionären zumeist an Westreisen gehindert, zumindest durch ausgiebige Lektüre und Gesprächskontakte über die Mauer, interessierte sich für westdeutsche Künstler wie Beuys, Richter oder Baselitz und beschaffte sich unter erheblichen Risiken aktuelle Literatur aus der Westkunst. Was er gelesen hatte, vermittelte er weiter an seine Künstler-freunde. Als man ihn wegen solcher Kontakte als Galerieleiter entließ, verlegte er seinen Wohnsitz nach Leipzig und intensivierte dort seine Mitwirkung in der unangepassten Kunstszene. Er schrieb Texte, die man mit Vergnügen las, was in der Kunst-publizistik aus der DDR eher selten war.

Von nun an trafen wir uns jeweils zur Leipziger Buchmesse im März und fanden angesichts unwirtlicher Temperaturen und überfüllter Gaststätten im Haus Sommerlath der Mutter von Christoph Tannert einen diskreten und höchst gastfreundlichen Treffpunkt. Bei solchen Gelegenheiten erzählte mir Klaus Werner von Punkkonzerten, Pleinairs sowie performativen und filmischen Aktivitäten in den zahlreichen jungen Künstlerkreisen, in denen man den festgelegten Medienkanon der DDR-Kunst sprengte und dem kreativen Selbstfindungsdrang eigensinnigen Ausdruck gab. So verwies mich Klaus Werner 1985 auf die sich gerade formierende Produzentengalerie eigen+art, die Judy Lybke ideenreich und listig in der Fritz-Austel-Straße etablieren konnte. Sie sollte zum wichtigen Podium junger Experimentalkunst in der DDR werden und ähnliche Initiativen in anderen Städten nach sich ziehen. Zugleich profilierte sich Klaus Werner weit über den Leipziger Raum hinaus mit kunstkritischen Essays und Kommentierungen, die ihn nach der Wende zum kompetenten Berater bei den schwierigen Annäherungsprozessen zwischen den ost- und westdeutschen Kunstpositionen werden ließ. Wir sahen uns nun seltener, doch jedes Mal, wenn ich Klaus Werner begegnete, spürte ich den Geist einer Freundschaft, der die Grenze des Außergewöhnlichen tangiert.

(In:Klaus Werner: Für die Kunst. Köln: Verlag der Buchhandlung Walther König 2009, S. 295-296.)

© Karin Thomas

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